Home    Publikationen    Online-Texte    Interviews

 

 

 

 

Einige Erläuterungen zu Jacques Derridas Begriff der différance

(2001)

 

Remedios Varo: Bordando el Manto Terrestre

Remedios Varo (1908–1963): Bordando el Manto Terrestre (1961)

 

Jacques Derrida (1930–2004) spricht über die sogenannte différance auf zwei verschiedenen Ebenen. 1. macht er sie als vor-ontologische und vor-semiotische Bewegung namhaft, die das, was ist, hervorbringe. 2. als semiotische Bewegung, die die Artikulation von Sprache und Schrift ermögliche. Als semiotische Bewegung lasse die différance alle Zeichen in und mit einer ursprunglosen, nicht teleologischen und nicht endlichen Bewegung sich fortwährend wechselseitig substituieren, diesseits einer offenen Struktur, die kein Außerhalb besitze: keiner vor- oder außersemiotischen Instanz unterworfen sei. Zeichen bewegten sich durch Raum und Zeit, ohne jemals, wie Derrida betont, auf ein transzendentales Signifikat zu treffen: auf einen allerletzten Sinn, der alles in sich aufhöbe. Die semiotische différance wirke jenseits aller Referenz, jenseits jeder Referentialität. Unmöglich sei ein Rückgang auf reale, außersprachliche Objekte in dem Maße, wie Zeichen nur in bezug auf ihre differentiell-unendliche Verknüpfungsstruktur existierten und nicht in bezug auf die Dingwelt.

        Was die vor-ontologische und vor-semiotische Ebene der différance betrifft, sagt Derrida, daß sie alles Seiende, die Dingwelt also, hervorbringe und strukturiere. Derrida kann aber zugleich, indem er die Dingwelt im oder hinterm Spiel der Zeichen verschwinden läßt, auch behaupten, daß es keine außersprachlichen Objekte als solche oder an sich gebe. Das Seiende verschwinde im oder hinterm Spiel der Zeichen. Folglich könne es auch keine Präsenz bzw. nur sekundäre Präsenz geben, weil ja Zeichen, sub specie der différance, nur als Teil ihrer unendlichen supplementären Bewegung existierten.

        Nicht falsch ist diese Argumentation in dem Maße, wie das Ersetzen einer Sache selbst durch Zeichen die Präsenz der Sache zugunsten der Iterabilität  der Zeichen (= ihrer kontextunabhängigen Wiederholbarkeit) verschwinden macht. Die Präsenz der Zeichen ist, in bezug auf die sinnliche Präsenz der Sache, a fortiori beschädigt: sekundär und abgeleitet. Intelligibilität, mithin: das Bewußtsein von etwas als etwas Bestimmtem/einem bestimmtem Etwas, ist sekundär/abgeleitet, insofern es angewiesen ist auf eine Vermittlung durch Zeichen. Diese Sekundärenergie der Zeichen ermöglicht Iterabilität (= die kontextunabhängige Wiederholbarkeit intelligibler Bedeutungen). Die Bedeutung von etwas im Bewußtsein, im „einsamen Seelenleben“,  ist zeichenhaft und zeichenbedingt. Wenn Bedeutung das ist, worauf alle jederzeit Bezug nehmen können, ist sie unausweichlich auf eine Vermittlung durch Zeichen angewiesen. Als intelligible Bedeutung ist sie unendlich wiederholbar und ebendieser ihrer Iterabilität wegen jenseits des empirisch Seienden. Letzteres erscheint in Raum und Zeit, ist daher endlich-begrenzt. Die Iterabilität des Intelligiblen setzt voraus, daß man vom konkret Seienden abstrahiert. Der intelligible Gegenstand ist (in seiner und durch seine Bedeutung) unendlich iterierbar, weil er vermittels der Zeichen mundaner Räumlichkeit und Zeitlichkeit enthoben ist. Und umgekehrt: Durch seine Übersetzung in Zeichen wird eine reale, mundane Sache intelligibel und, potentiell, unsterblich.

        Wenn Präsenz die intelligible Form meinen soll, worin Bedeutung entsteht und übertragen wird, wenn Präsenz jener Modus sein soll, worin Bedeutung als sie selbst erfahrbar wird – Präsenz als Zeitlos-Wesentliches also –, dann und nur dann ist Präsenz immer schon sekundär. Sekundär, weil sie auf einer grenzenlosen Iterierbarkeit fußt, die nicht möglich wäre ohne Zeichen und Zeichen per Definition immer für etwas anderes stehen. Wenn man, wie Derrida, mit den Begriffen Gegenstand, Objekt, Sache also nicht das materielle Substrat eines Gegenstandes, Objekts, einer Sache meint, sondern bereits und im Gegenteil das, was im Medium der Intelligibilität als Gesamtheit seiner Bedeutungen sich bildet, dann und nur dann ist es konsequent zu sagen, daß es kein präsentes außersprachliches und nichtzeichenhaftes Seiendes gibt. Dann und nur dann gilt: Seiendes ist immer zeichenhaft.

        Bis hierhin: Wenn mit Präsenz die scheinbar unmittelbare Anwesenheit einer intelligiblen, noumenalen Bedeutung gemeint ist – die scheinbar unmittelbare Anwesenheit einer Sache, die nur über diese ihre intelligible, noumenale Bedeutung sich erschließt –, wenn Präsenz das Ineinsfallen von Sagen-Wollen und Sagen meint, dann und nur dann gilt, daß Präsenz, weil angewiesen auf Zeichengebrauch, immer sekundär ist. Wenn die Präsenz einer Sache ihre intelligible, noumenale Bedeutung sein soll – jene Bedeutung einer Sache, die von einem Individuum gedacht wird, das erlebt, daß es sagt, was es denkt und sagen will –, dann und nur dann ist Präsenz sekundär. Sekundär ist jene Präsenz, die erlebt wird als Ineinsfallen von Sagen-Wollen und Sagen. Das etwas sagen wollende und dieses Etwas sagende Individuum erlebt den Akt des Sagens als differenzlose Unmittelbarkeit: Es erlebt sich als Urheber der Bedeutung des Gesagten und dessen Präsenz als Präsenz eines scheinbar unvermittelten Sagen-Wollens.

 

 

Zum mindesten problematisch ist Derridas Konzept der différance dort, wo es buchstäblich alles unterm Horizont der Semiotizität namhaft macht. Ist es gerechtfertigt, die Materialität dessen, was ist, auszuklammern, da auch sie, siehe oben, sekundär sei? Ist nicht nur die intelligible Präsenz von Sinn und Bedeutung sekundär, sondern auch das extramentale materielle Substrat dessen, was ist? Daß Gegenstände nicht in dem Augenblick materiell entstehen, da wir sie bezeichnen, ist klar. In ihrer Materialität existieren sie unabhängig davon, ob wir sie wahrnehmen und (oder) bezeichnen. Was also ist mit den Dingen und ihrer Materialität?

        Unterm Gesichtspunkt der semiotischen différance ist es nicht falsch, daß Gegenstände erst dann sind – meint: iterabel geworden sind –, wenn sie als empirische Referenten gewissermaßen verschwunden und in jene transzendental-semiotische Spur eingegangen sind, die jeden Akt der Bezeichnung einem differäntiellen Spiel einverleibt. Freilich schließt das nicht die Möglichkeit, vielleicht sogar die Notwendigkeit, einer vor-semiotischen, d. h. materiellen und insofern nicht sekundären Präsenz aus. Für Derrida meint der Terminus Präsenz, wie gesagt, immer und ausschließlich das ursprüngliche Bei-sich-Sein des denkenden Bewußtseins, eine unbedingte Anwesenheit als Anwesenheit bei sich, das Zur-Anwesenheit-Bringen eines unberührten und unberührbaren Ursprungs aller Bedeutungen, die unmittelbare Präsenz des Signifikats im Bewußtsein, den Sinn des Seins, das Sein als Seiendes. Was also ausgeschlossen bleibt – und Derrida gibt dies offen zu (1) –, ist, ein oder zwei Stufen darunter, die Materialität dessen, was ist und erst im Akt und durch den Akt der Reflexion semiotisiert wird/werden kann. Die Ebene dieser noch nicht intelligibilisierten Materie/Materialität liegt erkenntnistheoretisch unterhalb jener Ebene, auf der Derrida seinen Präsenz-Begriff gewinnt und totalisiert. Derridas Ebene, noch einmal,  ist die der idealen Bedeutungen, der scheinbar absoluten Gewißheit im Bewußtsein, wo der Sinn des Seienden durch inhaltliche Bestimmungen gebildet wird. Den (ontologischen) Bereich, den Derrida ausklammert, ist der der extramentalen Materie/Materialität jenseits ihrer semiotischen Anverwandlung. Die Objecte dieses Bereiches verlieren ihre Präsenzhaftigkeit erst und immer dann, wenn zum Zwecke der Identifikation und Klassifikation das unendliche semiotischen Netz ausgeworfen und eingeholt wird.

        Derrida meint, bereits die Materialität alles dessen, was ist, werde durch die différance hervorgebracht und strukturiert. Das, was ist, gehe aus dieser Spur hervor, – die nur insofern ist und in Erscheinung tritt, als sie das Seiende entbirgt. Derrida macht auf dieser Ebene die différance, siehe oben, als vor-ontologische und vor-semiotische Bewegung namhaft, die seit Anbeginn des Universums seine Effekte unabhängig von einem (empirisch) anwesenden Bewußtsein produziert (hat). Davon zu unterscheiden ist die différance als intramentale Bewußtseins- und Bedeutungsspur, die die natürlichen Data bzw. sensomotorischen Reize durch eine differäntielle mentale Operation in entgrenzte Verschiebung zueinander bringt und semiotisch gewissermaßen sekundarisiert.

        Im ersten Fall sind die Effekte der selbst vor-ontologischen différance ontologische Data, denen auf dem Wege ihrer Apperzeption eine dauerhafte semiotische Klassifikation zuteil wird, (welch letztere gleichermaßen für ideales Sein und entweltlichte Identität sorgt).

        Im zweiten Fall ist die différance ein intramentales Phänomen, ein immanentes und transzendentales System der Strukturierung, das die aus der rohen Wahrnehmung stammenden natürlichen Data – das zugrundeliegende perzipierte Material – semiotisch codiert.

        Im ersten Fall geht es nicht um die intelligible intellektuelle Präsenz einer Sache, sondern um den (vor-)ontologischen Ursprung alles dessen, was ist, in Raum und Zeit. Daß dieser Ursprung die différance sei, leuchtet ein, insofern etwas, das ist, etwas anderes nicht sein kann. Das, was ist, hat, ontologisch betrachtet, eine differäntielle Genese. Alles das, was ist, ist, indem es in Beziehung steht (zu etwas anderem, was anders oder gar nicht präsent/abwesend ist). Aus diesem Zusammenhang zwischen einer Präsenz und einer anderen Präsenz beziehungsweise einer Absenz erklärt sich die je-einmalige Präsenzhaftigkeit dessen, was ist. Dieses Verhältnis bringt Präsenz hervor, indem es sie mit Bezug darauf entstehen läßt, was anderswo und zu einem anderen Zeitpunkt gegeben (und in diesem Sinne abwesend) ist.

        Im zweiten Fall geht es nicht um die Materialität dessen, was ist, sondern um die unbewußte oder willentlich-intentionale Gegenüberstellung von anwesenden und abwesenden intelligiblen Bedeutungen: um ein strukturelles signifikatives Spiel, dem ein semiotischer Code zugrunde liegt und das immer eine Präsenz des Sinns und der Bedeutung transportiert, infolgedessen nicht empirisch sein kann, sondern einer idealen, intelligiblen Grundlage bedarf.

        Wenn Derrida bereits auf der ersten Ebene der Materialität dessen, was ist, das Wirken von Zeichen erkennt, wenn er also bereits die Präsenz dessen, was in seiner und durch seine Materialität existiert, als Zeichen namhaft macht, dann handelt es sich um eine übermäßige Ausweitung des Zeichen-Begriffs und (oder) um eine unzulässige Vermischung von Ontologie und Semiotik. Wenn gelten soll, daß Zeichen, wie Derrida betont, keine empirischen Phänomene sind, wenn gelten soll, daß sie ihre Idealität, Identität, Bedeutung immer von woanders her gewinnen, daß sie ihre Bedeutung nur ihrer intelligiblen Iterierbarkeit wegen besitzen, dann kann man im Hinblick auf die Materialität dessen, was ist, durchaus von einer differäntiellen Ordnung sprechen, nicht aber von einem Zeichenfeld.

        Erst das intelligibel Seiende bedarf der Vermittlung durch Zeichen. Erst im Medium der Intelligibilität ist Präsenz – verstanden als absolute Anwesenheit des Denkens im Denken, als Präsenz einer Substanz, die durch und in sich selbst und nicht durch ein anderes beziehungsweise an oder in einem anderen ist – der Effekt einer gleichsam sekundarisierenden semiotischen Derivation. Als buchstäblich meta-physisches (und in dieser Gestalt von Derrida kritisiertes) Konzept ist Präsenz abhängig von einem semiotischen Code, der seinerseits ein Produkt der différance ist, welcher kein Subjekt, keine Substanz, kein in diesem Sinne präsentes Seiendes entgehen kann.

        An diesem Punkt droht bei Derrida die (unnötige) Aporie, weil das Philosophem der transzendentalen, rein innersprachlich und zeichenhaft sich artikulierenden différance die Präsenz der vor-sprachlichen Materialität dessen, was ist, ausklammert. Selbst wenn, was plausibel ist, etwas, was in seiner und durch seine Materialität existiert, Teil einer differäntiellen Bewegung sein soll, gilt, daß es nicht immer schon sekundär sein muß in bezug auf etwas anderes, was in seiner und durch seine Materialität existiert. Das, was materiell ist, ist nicht präsent in dem Sinn, daß es nur auf dem Hintergrund der (sekundären) Präsenz von Idealitäten existiert, (die eine gleichsam rohe Präsenz nie besessen haben). Eine primäre Präsenz hat etwas, was materiell ist, in dem Maße, wie jedes Etwas sich in seiner materiellen Existenzweise von etwas anderem unterscheidet. Wiewohl es seine Präsenz differäntiellen Relationen verdankt, verliert es nicht seine außer- oder vor-semiotische rawness.

        Es ist, wenn man, wie Derrida, eine rückhaltlose Affirmation des Multiplen bezweckt, kontraproduktiv, im voraus festzulegen, daß alles, was materiell ist, eine sekundäre Stelle schon innerhalb der Mundanität einnehme. Zu träfe vielmehr, daß es in Raum und Zeit nur eine andere Stelle einnimmt! Derrida errichtet wider seine Absichten eine poly-oppositive Hierarchie, darin, nach wie vor, ein irreversibles Verhältnis zwischen den einzelnen Elementen herrscht. Was die Derridasche différance eigentlich erheischt, ist eine indeterminierte Umkehrbarkeit aller Verhältnisse, – die sich freilich nicht mit Annahme verträgt, jede Präsenz sei sekundär.

        Derrida, das ist der Fehler, setzt Präsenz und Substanz ineins, weil er die Onto-Theo-Logik der Metaphysik zu dekonstruieren sucht. So legt er (korrekterweise) zugrunde, daß ein Subjekt, das sich auf sich selbst bezieht und so die Präsenz/Substanz seiner selbst erhaschen möchte, nur sekundäre Effekte der différance gewahrt, weil die différance die Bedingung auch der Möglichkeit des Auf-sich-selbst-Beziehens ist. Das (metaphysische) Subjekt möchte wissen, was es sei; es sucht nach einem unvergänglichen Wesenskern, dessen Präsenz sich offenbaren möge: Es unternimmt eine Bestimmung seiner Substanz. Derrida hat alles Recht, hier die différance ins Spiel zu bringen.

        Freilich: Präsenz bezieht sich nicht immer auf ein Was. Ebensogut kann sie das Wie einer Sache betreffen: Präsenz als Effekt der Materialität dessen, was ist, meint eben nicht die Erscheinungsweise einer raum- und zeitenthobenen substantiellen Beharrlichkeit, nicht die Erscheinungsweise eines selbständigen Seins und einer absoluten idealen Bedeutung. Klar ist: Die Gleichsetzung von Präsenz und Substanz bedeutet das Sekundär-Werden der Präsenz-Substanz. Weit davon entfernt ist die Präsenz dessen, was zunächst nur in seiner und durch seine Materialität existiert. Sekundär ist Präsenz immer dann, wenn sie zu einer idealen Entität und semiotisch als Präsenz bestimmt wird.

        Wenn Derrida betont, die différance eröffne sowohl die sinnliche Welt wie auch die Welt der Bedeutungen, dann leuchtet das ein. Was weniger einleuchtet, ist, warum das, was auf der Ebene der Materialität dessen, was ist, existiert, vor jedem Bedeuten und vor jeder Bedeutung immer schon (s)einer Sekundarität anheimgefallen sein soll. Weil Anwesenheit Abwesenheit bedeutet? Das ist kein hinreichender Grund. Für Derrida ist die Welt ein Zeichenuniversum, (oder anders: ein Text ohne Außerhalb). In ein Gewebe oder Geflecht semiotischer Spuren verwandelt die Welt sich durch Zuschreibungen, die das, was ist, in etwas verwandeln, was es nicht a priori ist, sondern erst a posteriori wird. Ontologisch existieren Dinge an sich in einer außer-semiotischen, sozusagen primären Materialität, die erst danach semiotisiert wird. An sich verweisen Dinge nur auf sich selbst, was heißt, daß sie keine Zeichen sind, weil Zeichen immer für etwas anderes stehen. (Daß die Dinge an sich nur auf sich selbst verweisen, widerspricht, wohlgemerkt, nicht der Annahme, daß sie Produkte der vor-ontologischen différance sind). Wäre Materialität von Beginn an zeichenhaft, könnte man Zeichen auf eine Materialität in der Welt zurückführen. Aber gerade ihre, Immaterialität, sagt Derrida, sei doch das, was Zeichen ausmache.

 

 

 

 

 

(1) S. und vgl. Jacques Derrida: Positions. Entretien avec Jean-Louis Houdebine et Guy Scarpetta, in: Positions, Paris 1972, S. 52–125; ebd., S. 82–91; (dt.: Positionen, in: Positionen, Wien 1986, S. 83–176; ebd., S. 121–132).

 

 

Copyright © since 2010 Marcus Dick