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Derrida und Derivate – Was die post-moderne Philosophie mit der Banken- und Finanzkrise zu tun hat (April 2012)
Pieter Bruegel d. Ä. (1525–1569): Der Blinde führt den Blinden (1568)
Vielleicht verleitet das wunderbare Bruegel-Gemälde zusammen mit der Überschrift dazu anzunehmen, die post-moderne Philosophie sei eine Art Grundbedingung der Möglichkeit der Banken- und Finanzkrise. Das ist sie sicher nicht. Zu sagen, die Finanzmarkt-Ökonomie der 90er- und Nuller-Jahre finde ihre Wurzel und ihre Apologie im philosophischen Post-Modernismus, wäre Unsinn. Und doch ergeben die Umrisse einer Zeit immer eine einheitliche Gestalt. Im sogenannten post-modernen Denken und in der spekulativ-virtuellen Finanzialisierung (1) der Ökonomie muß folglich dieselbe Gesamttendenz wirken. Was ist das Hauptmerkmal des philosophischen Post-Modernismus? (2) Knapp gesprochen: die Überzeugung, daß das, was wir Welt oder Wirklichkeit nennen, keine Einheit und eigene Logik habe, vielmehr ein Effekt unseres Sprechens und Schreibens über sie sei, ihr also weder ein objektiver Status noch Berechenbarkeit zuerkannt werden könne. Folglich ist das post-moderne Bewußtsein, indem es das Band zwischen Welt einerseits und Sprache/Denken andrerseits zertrennt, idealistisch. Idealistisch in dem Maße, wie es voraussetzt, im Erschaffen, in der Erzeugung von Wirklichkeit durch Sprache im allgemeinen und Diskurse im besonderen (3) erschöpfe sich die menschliche Erkenntnisentwicklung. Friedrich Nietzsche (1844–1900) ist, avant la lettre, der im doppelten Wortsinn erste post-moderne Philosoph. „Der Ruf, Name und Anschein, die Geltung, das übliche Maass und Gewicht eines Dinges“, heißt es in der Fröhlichen Wissenschaft (1882/1887), „ist durch den Glauben daran und sein Fortwachsen von Geschlecht zu Geschlecht dem Dinge allmählich gleichsam an- und eingewachsen und zu seinem Leibe selber geworden: der Schein von Anbeginn wird zuletzt fast immer zum Wesen und wirkt als Wesen! [...] Es genügt, neue Namen und Schätzungen und Wahrscheinlichkeiten zu schaffen, um auf die Länge hin neue »Dinge« zu schaffen.“ (4) Die post-moderne Philosophie der 1970er- bis 2000er-Jahre bietet nichts als ausgedehnte Variationen über dieses Thema. Ein besonderes Schlag- und Zündwort der Post-Modernen ist der Begriff der Virtualität. Bei Stéphane Mallarmé (1842–1898), einem anderen wichtigen Wegbereiter, feiert er zunächst im Zeichen einer symbolistischen Poetologie erste Triumphe. In Crise de vers (Vers-Krise, 1896) zielt er auf eine von allen Wirklichkeitsspuren gereinigte Wortkunst, deren Palladium die Autopoiesis der Sprache ist. Oder weniger gelehrt gesagt: Der Dichter möge keine innere oder äußere Wirklichkeit abbilden, sondern nur mehr die Sprache selbst sprechen lassen: „Das reine Werk bringt mit sich das beredsame Verschwinden des Dichters, der die Initiative abtritt an die Wörter, die in Bewegung gesetzt sind durch den Zusammenprall ihrer Ungleichheit; sie erhellen sich durch wechselseitigen Widerschein wie eine virtuelle Feuerspur auf Geschmeide, sie ersetzen das im alten lyrischen Odem spürbare Atmen oder die ureigene enthusiastische Lenkung des Satzes. [...] Im Gegensatz zu einer einfachen und repräsentativen Geldwertfunktion, wie zunächst die Menge es behandelt, erlangt das Sprechen, vor allem Traum und Gesang, beim Dichter, durch die grundlegende Notwendigkeit einer den Fiktionen geweihten Kunst, wieder seine Virtualität.“ (5) Daß Mallarmés Poetologie und der französische Symbolismus überhaupt – stets mit dem Ziel, die Dichtkunst zu entwirklichen, sie zu virtualisieren – in einer Zeit Gestalt annehmen, da die Pariser Börse Angelpunkt der Finanzspekulation wird, ist kein Zufall. Bemerkenswert und bezeichnend ist Mallarmés Rede von der gleichsam „einfachen und repräsentativen Geldwertfunktion“ der Wörter, die in der Poesie einer referenz- und endlosen Selbstreproduktion der Sprache weichen solle. Das Geld, „wie zunächst die Menge es behandelt“, erhält seinen Wert durch seinen Äquivalenzcharakter: Es verweist nicht auf sich selbst, sondern auf Güter und Dienstleistungen, gegen die es getauscht werden kann. Ganz analog in der Sprache die Worte: Sie verweisen nicht auf sich selbst, sondern auf Dinge und Sachverhalte, für die sie stehen. Was im späten 19. Jahrhundert und namentlich an der Bourse de Paris geschieht, ist, daß das Geld seines Äquivalenzcharakters entkleidet und zu Spielgeld wird: In Form des Terminhandels entwickelt sich die moderne Börsenspekulation. Im Mittelpunkt steht nicht mehr, wie an der Warenbörse, das Geschäft mit physischen Gütern, sondern die Wette auf Preisentwicklungen und Kursverläufe. Das Geld wird hier virtuell in dem Maße, wie 1. der Kontraktwert eines Terminhandels nicht zu 100%, sondern nur zu 5% gedeckt sein muß, und 2. das Geld selbst zu einer Ware, zu einem nur sich selbst repräsentierenden Gut wird. Genau so, wie in der Poesie des späten 19. Jahrhunderts die Wörter ihren Stellvertretercharakter verlieren, um nur mehr in ihrer Virtualität auf sich selbst zu verweisen, verliert in der sich virtualisierenden Ökonomie des späten 19. Jahrhunderts das Geld seinen Stellvertretercharakter, um nur mehr, unabhängig von physischen Warenströmen, sich selbst hervorzubringen. (6) Je mehr im 20. Jahrhundert die Möglichkeiten des Spekulationsprofits zunahmen, desto weniger bestand die Notwendigkeit, dem Äquivalenzcharakter des Geldes Genüge zu tun. (7) Ihre vorläufige Apotheose findet diese Entwicklung in den Hedge-Fonds, – deren Hauptinstrumente Finanzderivate und Leerverkäufe sind. (8) Lassen wir an dieser Stelle Zahlen sprechen. 2011 betrug das Weltbruttosozialprodukt aller Güter und Dienstleistungen 70 Billionen USD, während die Summe aller Finanzmarkt-Produkte (am Aktien-, Anleihen-, Devisen- und Derivatemarkt) bei märchenhaften 1800 Billionen USD lag. Interessant ist nun, daß z. B. und v. a. der Handel mit den hochspekulativen Derivaten in den 1980er- und 90er-Jahren – in der Hochzeit des Post-Modernismus – nachgerade explodiert. Die Selbstreferentialisierung der Ökonomie, die Selbstreferentialisierung der post-modernen Philosophie: beides geschieht parallel; (weite Teile der) Ökonomie und Philosophie verlieren ihren Halt in der Welt und laufen seither Gefahr, endgültig im Orkus der Virtualität unterzugehen. Wie gesagt: Es handelt es sich um Erscheinungen einer Gesamttendenz, – die insofern freilich symptomatisch sind, als Ökonomie und Philosophie gleichsam die äußeren Pole einer Gesellschaft bilden. Und weiter: Insofern die Ökonomie, Max Horkheimer (1895–1973) zu zitieren, die erste Ursache des Elends ist, hat die theoretische und praktische Kritik, sprich: die Philosophie, sich vor allem auf sie, die Ökonomie, zu richten. Um so schlimmer für die Philosophie – und für eine Gesellschaft –, wenn sie, die Philosophie, sich ihres Anspruchs begibt, eine Lehre des Gesamtzusammenhangs zu sein. Genau hierin findet die post-moderne Philosophie ihre Existenzberechtigung: in der Verneinung der Möglichkeit, einen Blick aufs Ganze zu erhaschen. Erinnert sei nur, stellvertretend, an die von Jean-François Lyotard (1924–1998) propagierte Crise des récits, die Krise sogenannter Metaerzählungen wie der „Dialektik des Geistes, der Hermeneutik des Sinns, der Emanzipation des vernünftigen oder arbeitenden Subjektes“. (9) An deren Statt möge ein patchwork des minorités treten, der Versuch, dieser Krise zu begegnen, indem man jedwede Einheit zerbricht. Nichts anderes empfahl schon Mallarmé einhundert Jahre zuvor mit Blick auf die Poesie und eingedenk seiner Crise de vers. Da nach Gottes Tod die Wirklichkeit entwertet sei, dürfe nicht mehr vom Realismus, sondern nur noch vom Ästhetizismus Rettung erwartet werden. Kurz: Man tauscht das unheimlich gewordene Ganze gegen das persönliche Nirvana des Erkenntnisverzichts. In dem Augenblick, wo das Denken post-modern, mit Jean Baudrillard (1929–2007) zu sprechen, la Grande Virtualité beschwört, feiert es seinen Abschied von der Welt und von sich selbst. Wenn tatsächlich Virtualität DAS Kennzeichen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts ist und also „die Welt als Illusion in ihrem technischen Artefakt verschwindet“ (10), dann kommt man nicht umhin, die spekulativ-virtuelle Ökonomie der Finanzmärkte als höchsten Ausdruck ihrer Zeit zu rühmen. Wenn tatsächlich der Verlust der Referenz DAS Kennzeichen der Post-Moderne ist, wie ihre philosophischen Advokaten glauben, dann ist die spekulativ-virtuelle Ökonomie der höchste Ausdruck des menschlichen Geistes.
(1) Unter financialisation versteht man den Vorgang der Kapitalverschiebung an die Finanzmärkte, – wo Kapital und Rendite gleichsam umweglos, ohne daß man erst Waren und Dienstleistungen hätte produzieren und distribuieren müssen, maximiert werden können. (2) Ich weiß, daß und warum der (philosophische) Begriff der Post-Moderne problematisch ist. Ich weiß auch, daß Jacques Derrida (1930–2004) weit entfernt war, seine Philosophie als post-modern zu bezeichnen. Daß er hier dennoch und sogar bereits in der Überschrift Erwähnung findet, liegt indes nicht nur an der schönen Alliteration. Wenn das Hauptthema des sogenannten post-modernen Denkens der Verlust der Referenz ist, dann gehört Derrida zumindest in dessen Dunstkreis. (3)
S. dazu auch hier (4) Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, in: Kritische Gesamtausgabe, Abt. 5, Bd. 2, S. 13–320; ebd., S. 98. (5) Mallarmé, Stéphane: Crise de vers, in: Kritische Schriften, Gerlingen 1998, S. 210–230; ebd., S. 224, S. 228. (6) Fallen Sein und Schein undialektisch auseinander, ist die Krise, sei’s eine Vers-, sei’s eine Börsenkrise, nicht weit. Daß das Bewußtsein dem Sein folgt, zeigt sich auch darin, daß bereits vierzehn Jahre vor Mallarmés Vers-Krise die virtuelle Spekulation in sich zusammenkrachte. Im Januar 1882 gingen an der Pariser Börse die Aktienkurse in die Binsen. Die Ursache lag in der virtuellen Überkapitalisierung der (katholischen) Bank Union Générale. Da deren scheinbar exorbitanter Wert nur auf dem Papier existierte, war es allein eine Frage der Zeit, bis sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Eine Kettenreaktion folgte, die Frankreichs Wirtschaft in die Krise stürzte. Äußerst anschaulich schildert Émile Zola (1840–1902) diese Ereignisse in dem Roman L’Argent (Das Geld, 1891). (7) Natürlich ist die in diesem Zusammenhang oft zu hörende Unterscheidung zwischen guter kapitalistischer Realwirtschaft und schlechter kapitalistischer Spekulation fragwürdig. Das Problem ist das System als solches. (8) Derivate sind Wettpapiere, deren Gegenstand die Wertentwicklung von Aktien, Anleihen, Devisen, Rohstoffen oder Zinsen ist. Die Pointe: Man spekuliert mit Dingen, die man weder hat noch überhaupt haben will. – Mit Leerverkauf bezeichnet man den Verkauf nur geliehener Wertpapiere, die zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich erworben werden, um sie dem Verleiher zurückzugeben. Auch hier: rein virtuelle Transaktionen. (9) Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen, Wien 1986, S. 13. (10) Baudrillard, Jean: Die Illusion und die Virtualität, Wabern-Bern 1994, S. 26.
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