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Inbrunst und Ratio – Der Dirigent Jascha Horenstein (1898–1973) (1) (Mai 2012)
Obgleich es
in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu einer breiteren Wiederentdeckung des
Dirigenten Jascha Horenstein gekommen ist, ist sein Name dennoch nicht in aller
Munde. Während die Aufnahmen Leopold Stokowskis, Otto Klemperers, Fritz Reiners, Evgenij Mravinskijs oder Karel Ančerls in den einschlägigen
Kreisen oft und positiv Erwähnung finden, wird Horenstein, wenn überhaupt,
dann vor allem im Lichte seiner Mahler-Aufnahmen wahrgenommen. Die sind in
der Tat mustergültig. (Hier mein ausführlicher
Kommentar zu seiner Londoner Einspielung der Ersten von 1971: In Horensteins Musizierweise verbindet sich – wie in der Überschrift angedeutet – eine expressive, ja expressionistische Klangdramaturgie mit einem seltenen Sinn für die strukturelle Topographie einer Partitur. Im Idealfall entfalten sie auf der vertikalen Achse gleichzeitig höchste Klarheit und prismatische Farbigkeit, während sie in der horizontalen Dimension ein strenges Formbewußtsein, außerordentliche rhythmische Energie und beredte Phrasierungskunst offenbaren. Das gilt im kleinen wie im großen. Nehmen wir etwa den Beginn von Johannes Brahms’ 1. Symphonie. Horensteins – von Charles Gerhardt kongenial produzierte – Einspielung von 1962 mit dem formidablen London Symphony Orchestra (Chesky Records CD 19) ist, sowohl was den highfidelen Klang als was die Interpretation anbetrifft, ohne Konkurrenz. (2) Wo gerade in den Anfangstakten oft monochrome Undurchsichtigkeit und/oder spannungslose Statik herrscht, vibriert bei Horenstein das Orchester bis in die letzte Klangfaser. Was nicht metaphorisch gemeint ist. Kein anderer Dirigent spannt die Vertikale weiter auf: Schon im Baßbereich differenziert Horenstein klar zwischen Pauke, Kontrabässen und Kontrafagott, und besonders die deutliche, doch nie überbetonte Präsenz des Kontrafagotts, in fast allen anderen Einspielungen unhörbar, verleiht dem dräuend-pochenden Achtel-Rhythmus eine zusätzliche Klangdimension. (Was übrigens bei Horenstein immer und überall ohrenfällig wird: das die formtreibende Kraft des Rhythmus, die so gleichberechtigt neben die formbildende Kraft der Harmonik tritt). Fortsetzung in Kürze !
(1)
Im folgenden ist es um eine Phänomenologie der Horensteinschen Musizierweise zu tun.
Wer eher bzw. auch an Biographischem und allgemeinen Informationen interessiert
ist, schaue hier: (2) Vielleicht mit Ausnahme von Otto Klemperer/Philharmonia Orchestra 1956/57 (u. a. EMI 5 62760), Carlo Maria Giulini/Los Angeles Philharmonic 1981 (u. a. DG 410 023 3), Günter Wand/NDR-Sinfonieorchester 1982 oder 1996 (RCA 74321 89102 2 bzw. RCA 09026 68889 2), Asahina Takashi/Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra 1996 (Fontec CD 9399) sowie Daniel Barenboim/West-Eastern Divan Orchestra 2006 (EuroArts 2055538). – Musikalisch nicht weniger fesselnd als die Londoner Einspielung, aber aufnahmetechnisch unbefriedigend, sind Horensteins Aufnahmen mit dem Orchestre National de France von 1957 (Music & Arts CD 1146) und dem SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden von 1958 (VOX 7801). Wenigstens ein Mal sollte man den Pariser Mitschnitt gehört haben. Mir ist keine andere Aufnahme mit einer ähnlich explosiven Final-Coda bekannt (Takt 391 ff.). Die letzten zwanzig, fünfundzwanzig Takte verschlagen einem den Atem.
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