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Musikwissenschaft und Linguistik. Roman Jakobsons transdisziplinäre Semiotik (1)
Außergewöhnlich ist Roman Jakobsons (1896–1982) Œuvre in jeder Hinsicht. Nicht allein, was seine Vielschichtigkeit angeht, auch ob seiner in unterschiedlichste Disziplinen ausstrahlenden Wirkkraft. Jakobsons Bedeutung verdankt sich eines nie nachlassenden, im Lauf der Jahrzehnte zunehmend interdisziplinären Forschungseifers. Von der Linguistik ausgehend erweiterte er nach und nach den semiotischen Horizont, auf daß seine Arbeit den Charakter einer Allgemeinen Semiotik annehme und alle kulturellen Phänomene und aber auch biologische Vorgänge semiotisch analysieren könne. Spätestens seit den 1960er Jahren gab es keinen auf der Höhe der Zeit stehenden Diskurs, der nicht auf die eine oder andere Weise, direkt oder indirekt, von Jakobson beeinflußt gewesen wäre: Anthropologie/Ethnologie, Psychologie/Psychoanalyse, Mathematik, Molekularbiologie, Philosophie, Soziologie, Literatur-, Film-, Musik- und Kunstwissenschaft. Jakobson ist der Vater des semiotic turn. Um so erstaunlicher, daß er keine Arbeit hinterlassen hat, die sich in systematisch umfassender Weise mit DER Semiotik beschäftigt. Der einzige Text, der ausführlicher Grundlagenprobleme behandelt, ist Coup d’œil sur le développement de la semiotique (1974). Dennoch hat Jakobson nie etwas anderes getan, als Sprache in allen ihren Erscheinungsformen zu untersuchen, d. h.: das semiotische Feld des Zeichengebrauchs. Er hat die Wissenschaft von den sprachlichen Zeichen, die Linguistik, einer umfassenden, übergeordneten Zeichen-Theorie eingegliedert, die den gesamten Bereich bedeutungtragender Phänomene umfaßt. Seit den 1920er-Jahren entwickelt Jakobson eine Angewandte Semiotik, die sich zunächst mit den Zeichen-Systemen der Malerei, des Films und des Theaters sowie der Folklore und der Musik beschäftigt. Freilich bleibt die verbale Kommunikation hier grundlegend für alle anderen semiotischen Phänomene, weil sie der notwendige Kontext nonverbaler Kommunikationsprozesse insofern ist, als die Wortsprache, weswegen sie ihre semiotische Vorrangstellung behält, Botschaften unabhängig von nonverbalen Kontexten kommunizieren kann. Im 1932 auf deutsch veröffentlichten Text Musikwissenschaft und Linguistik bestimmt Jakobson Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen musikalischen und lautsprachlichen Systemen. Wie in seinen Aufsätzen zur Folklore (3) und zum Film (4) wendet Jakobson durch Sprachstudien ermittelte und methodologisch reflektierte Erkenntnisse auf andere semiotische Systeme an. Die in Musikwissenschaft und Linguistik formulierten – zuerst linguistisch verifizierten, dann semiotisch verallgemeinerten – Einsichten betreffen: 1. die Zugehörigkeit musikalischer Ausdrucksformen in ein durch Intentionalität zweckgeleitetes Ganzes; 2. das Verhältnis zwischen Ausdrucks- und Schrift-/Notationsebene; 3. eine Typologisierung jener Elemente, woraus musikalische Systeme sich bilden; 4. die Bestimmung der distinktiven Merkmale der systembildenden Elemente; 5. die (diachronische) Unbeständigkeit der Systeme; 6. die taxonomische Einordnung geographisch benachbarter Systeme; 7. den Stellenwert semantischer und syntaktischer Charakteristika. Zuweilen heißt es, Jakobsons Text sei der Ausgangspunkt des Dialogs zwischen Linguisten und Musikwissenschaftlern. Falsch ist das nicht. (5) Gleichwohl war es zuerst der Musikwissenschaftler Gustav Becking (1894–1945), der auf strukturelle Analogien zwischen musikalischen und lautsprachlichen Systemen hingewiesen hat. 1932 hielt Becking auf dem Ersten Internationalen Kongreß der Phonologen in Amsterdam einen Vortrag, der, unter Hinweis auf serbo-kroatische Epen, Gemeinsamkeiten zwischen phonologischen und musikologischen Fragestellungen thematisierte. Im Mittelpunkt: die Beobachtung, daß musikalische Klänge als solche zu einer intentionalen Ordnung gehören. Musikalische Klänge, ganz wie Phoneme, erklären sich aus ihrer bedeutungunterscheidenden Qualität. Jakobsons Verdienst besteht zunächst darin, Beckings Ausführungen ins rechte Licht zu rücken: durch eigene Beobachtungen zu bestätigen und um einige Hinweise zu erweitern. (6) Dennoch ist festzuhalten: Jakobsons Artikel, der auf Becking verweist, bleibt summarisch. In acht knappen Absätzen bespricht Jakobson sieben wichtige Berührungspunkte zwischen Phonologie und Musikwissenschaft, gemeinsame Grundprobleme, die eigentlich einer umfassenden Untersuchung bedürften. Es obliegt dem Leser, Jakobsons mehr andeutenden als ausführenden Artikel inhaltlich zu vervollständigen. Mit Schwierigkeiten ist das in dem Maße verbunden, wie eine Rekonstruktion von Beckings Argumentation mit Hilfe von Jakobsons Text nicht möglich ist. Jakobson lobt Beckings „überzeugende vergleichende Charakteristik“ (15: 281), mitsamt den „anschaulichen Beispielen“ (15: 283), verzichtet aber darauf, Genaueres auszuführen. (7) Hinzu kommt: Es handelt sich um einen eher journalistisch gehaltenen Artikel, wodurch die wissenschaftliche Bedeutung eines Linguistik und Musikologie verknüpfenden semiotischen Ansatzes unterbelichtet bleibt. (8) Worum es im folgenden zu tun ist, ist, jeweils die linguistische und musikwissenschaftliche Dimension offenzulegen, die im Artikel nur angetippten Beispiele genauer zu beleuchten, den allgemeinen Wert des Linguistik und Musikologie verquickenden Ansatzes klarzulegen.
Gemeinsamkeiten sprachlicher und musikalischer Zeichen
1. Intentionalität als System-Eigenschaft
Entscheidend für Jakobson, wie für Becking, ist, daß das Phonem in der Sprache und der Ton in der Musik nicht trennbar ist von den Systemen, worin sie einen bestimmten Stellenwert haben. Nicht durch die objektiv beschreibbaren Merkmale seiner Einheiten wird das System getragen, sondern, im Gegenteil, durch jene Eigenschaften, die vom Sprecher/Musiker bei der akustischen Realisation für wichtig erachtet werden. Es existiert ein gewissermaßen vorgängig-virtuelles Konzept davon, was akustisch realisiert sein will. Bevor es durch die Artikulation eines Lautes akustisch realisiert wird, ist ein Phonem virtuell vorhanden. Ausschlaggebend ist, daß die Identifikation des gemeinten Phonems durch andere Sprachteilnehmer gelingt. Erheblich variieren kann die akustische Phänomenalität des Lautes. Analog dazu zeichnet sich die Darbietung eines Musikers durch individuelle Eigenschaften aus, durch charakteristische Abweichungen von einer (nur ideell existierenden) Norm. Wichtig ist auch hier nur, daß beabsichtigte Wirkung und akustische Realisierung übereinstimmen. (Wobei diese Wechselbeziehung vom Ton-Inventar des jeweiligen Systems abhängt – eben genau so, wie in einem lautsprachlichen System die Phonem-Artikulation an den in dieser Sprache vorhandenen Phonem-Bestand gebunden ist). Der Versuch, phonologische und Tonsysteme zu klassifizieren, muß also mißlingen, wenn man ausschließlich die akustisch meßbaren Parameter beachtet. Was interessiert, das ist die Art und Weise, wie Phoneme und Töne unter der Voraussetzung realisiert werden, daß sie immer als sie selbst erkannt werden können: unter der Voraussetzung, daß alle wesentlichen Merkmale realisiert werden. Erforderlich ist, alle Merkmale eines Phonems/eines Tons zu realisieren, die das Phonem/den Ton als eben dieses Phonem/eben diesen Ton identifizierbar machen und so von anderen Phonemen und Tönen abgrenzen. Folglich darf die Untersuchung eines lautsprachlichen/musikalischen Systems nicht von den absoluten Werten der Phoneme/Töne ausgehen. (Das heißt: von den naturalistischen, physikalisch bestimmbaren akustischen Emissionen). Es ist im Gegenteil der intentionale Charakter der akustisch realisierten Werte, der ein bedeutungvermittelndes System entstehen läßt. Die akustischen Emissionen gehören zu einem intentionalen, zweckbestimmten, also bedeutungtragenden Ganzen. – In Der musikalische Bau des montenegrinischen Volksepos schreibt Becking:
Der Wert oder die Bedeutung der akustisch realisierten lautlichen/musikalischen Einheiten innerhalb ihrer Systeme ist nicht zu reduzieren auf eine sinnliche Qualität, die Linguisten/Musikwissenschaftler nur noch quantifizieren müßten. Angemessen beschreibbar sind die Systeme erst, wenn die eigentümlichen Merkmale gleichsam von innen heraus ermittelt werden. Dies erfordert, die der wirklichen Emission vorausgehende und sie bestimmende intentionale Leistung zu berücksichtigen.
In Jakobsons Vortrag On the Relation between Visual and Auditory Signs (1964) heißt es:
Widerspricht sich Jakobson? Geht er nicht im ersten Zitat von einer Parallelität des musikalischen Wertes und des Phonems aus, während er im zweiten Zitat eine Parallelität des musikalischen Wertes und der distinktiven Eigenschaften behauptet? Das wäre sonderbar und erklärungsbedürftig. Doch um einen Widerspruch handelt es sich nicht: denn Jakobson vergleicht nicht die systeminterne Qualität einzelner Elemente , sondern die Relationen, die jeweils zwischen zwei Ebenen des Systems bestehen. Im ersten Zitat herrscht zwischen dem System-Ton (dem gemeinten Ton) und dem wirklich erklingenden Ton das gleiche Verhältnis wie zwischen einem Phonem und dessen Phon (dem akustisch realisierten Phonem). (Das Phonem wird dem System-Ton zugeordnet, das Phon dem real erklingenden Ton). Im zweiten Zitat verhalten sich die distinktiven Eigenschaften zum Phonem so, wie sich in der Musik der System-Ton zu seinem System verhält. (Die distinktiven Eigenschaften werden dem System-Ton zugeordnet, das Phonem dem musikalischen System). In beiden Fällen das gleiche Verhältnis von Teil und Ganzem. Im Hinblick auf die Relationen, die Jakobson namhaft macht, sind zwei Seiten zu unterscheiden. Einerseits: die Seite des physisch-sinnlichen Phänomens, die Seite der auditiven Emissionen Phon und Ton. Andrerseits: die kognitive Seite des virtuellen Konzepts, die Seite der intentionalen Leistungen Phonem und System-Ton. Hier zeigt sich besonders deutlich Jakobsons Nähe zur Phänomenologie. Er geht davon aus, daß auf allen sprachlichen Ebenen Bedeutung transportiert wird. Was er dabei verneint, ist, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der Bedeutung eines sprachlichen Zeichens und dessen materieller, physikalischer Beschaffenheit. Denn es sei vielmehr ein bewußter intentionaler Akt, der einer akustischen Emission Sinn verleihe. Erst in dem Augenblick werde ein artikulierter Lautkomplex zu einem Ausdruck (zu einem etwas bedeutenden Zeichen), da ihm ein sinngebender Akt eine Bedeutung mitgebe. Der Ausdruck ist der Effekt einer intentionalen Leistung, wodurch er gleichzeitig Teil eines regelhaften Ganzen wird. Jakobson folgt also Edmund Husserl (1859–1938) und dessen Logischen Untersuchungen, worin gleich zu Beginn des 2. Bandes (1901) das Verhältnis Ausdruck–Bedeutung zur Sprache kommt. (9) Auch für Husserl ist Bedeutung nicht ein Merkmal äußerer Objekte, sondern das Ergebnis einer Bewußtseinsleistung. Der sinnbelebende Akt der Bedeutungsintention sorgt dafür, daß das Zeichen (s)einen Sinn erhält und so über seine eigene sinnliche Materialität hinausweist. (10) Wesentlich fürs Zeichen ist dessen Charakter als Zweiheit, – die sich aus dem Lautkomplex und dem Sinn zusammenfügt. Husserl spricht von einer phänomenalen Einheit. (11) Jakobson macht nichts anderes, als musikalische Zeichen in diesem Husserlschen Sinne zu definieren. Indem er die einzelnen akustischen Emissionen – die Grundelemente musikalischer Systeme – nicht auf ihre physikalische Natur reduziert, sondern als Korrelate intentionaler Akte bestimmt, kann er den linguo-semiotischen Schlüsselbegriff der Signifikation anzuwenden. (12)
2. Beziehungen zwischen lautlicher und graphischer Ebene
Nachdem Jakobson so auf den intentionalen Charakter sprachlicher sowie musikalischer Systeme aufmerksam gemacht hat, bespricht er das Verhältnis der bedeutungsintentionalen lautlichen Größen zu den Notations-Systemen, worin sie verschriftet, also graphisch dargestellt sind. Für Jakobson, der vermutlich ein Beispiel Beckings aufgreift, ist der Unterschied von mittelalterlicher Neumen-Schrift und neuzeitlichem Linien-System von besonderem Interesse. Typisch für die liturgische, einstimmige Gesänge aufzeichnende Neumen-Schrift ist, daß sie nicht den genauen Tonort bestimmt, sondern Tonbewegungs-Zeichen verwendet. Die Nachteile dieser approximativen Notationsweise sind alsbald erkannt worden. So alt wie die Neumen-Schrift sind Klagen der Musiker über die unsicheren Tonhöhen(verhältnisse). Man versuchte deshalb, Intervall- und weitere zusätzliche Zeichen (etwa in Form von Buchstaben) hinzuzufügen, um einen nuancierte(re)n Gesangsvortrag zu ermöglichen. Freilich, erst die Diastematie, die Praxis, Tonabstände auf mehreren parallelen Linien nach Höhe und Tiefe anzugeben, erlaubte seit dem 10. Jahrhundert, Tonhöhen genauer zu bestimmen. (Wobei das Zeichen für einen höheren Ton graphisch auf einer höher liegenden Linie notiert wurde als das Zeichen für einen tieferen). Das diastematische Notationsverfahren auf und zwischen Linien entwickelte sich über die Choral-, Modal- und Mensural-Notation bis zu dem uns vertrauten System, dessen Grundeinheiten Wertzeichen sind, die Tondauer sowohl als Tonort exakt bestimmen, also Zeit- und Tonbeziehungen graphisch darstellen. Jakobson vergleicht die Neumen mit der modernen Notenschrift und stellt fest, daß den augenscheinlichen Unterschieden in den Notationsweisen Unterschiede entsprechen (müssen), die auf der Ebene der (ideell-intentionalen) Ordnung des Tonbestandes liegen. Wie Tonbeziehungen verschriftet werden, hängt demnach auch ab davon, welche musikalischen Parameter innerhalb eines Tonsystems besonders in Erscheinung treten sollen. So handelt es sich etwa „im gregorianischen Choral im diametralen Gegensatz zur europäischen Musik der Neuzeit nicht um die Tonhöhe, sondern um die Tonbewegung“ (15: 282), woraus das System der Tonbeziehungen sich erklärt. Eine linguistische Entsprechung findet Jakobson im „engen Zusammenhang zwischen dem phonologischen Bau einer Sprache und der entsprechenden Schrift“ (ebd.). Eine Parallele, die zuerst Nikolaj Sergeevič Trubeckoj (1890–1938) erkannt habe. Jakobson meint Trubeckojs Versuch, „eine autonome Graphemlehre nach dem Vorbild der Phonemlehre entstehen zu lassen“ (18: 515): den Versuch, dem Phonem eine entsprechende Größe im Schriftsystem linguistisch gegenüberzustellen. (In Alphabet-Schriften wäre dies als kleinste bedeutungunterscheidende Einheit das Graphem). In seinem Nachruf auf Trubeckoj (1939) erwähnt Jakobson vor allem dessen Monographien über die westslawische Sprache und das Altkirchenslawische:
Der semiotische Zusammenhang der Lautnorm (des bedeutungübermittelnden Systems) mit der Schriftnorm (dem System, das die intentional fokussierte Bedeutung akustischer Emissionen graphisch repräsentiert), ist innig insofern, als Sprachen ihres phonologischen Baus wegen gleichsam a priori bestimmte Möglichkeiten der Verschriftung erfordern bzw. ausschließen. So würde etwa eine alphabetische Verschriftung der chinesischen Lautstruktur das Schriftbild unlesbar machen. Das Chinesische konnte nur eine semantische Verschriftung hervorbringen. Umgekehrt wäre eine syllabische Schrift für indogermanischen Sprachen ungeeignet, weil deren Silbenvorrat zu umfangreich ist. Klar ist, warum sich hier eine alphabetischen Schrift hat entwickeln müssen. Die Beschaffenheit des Schriftsystems ist nicht zu trennen von der Lautstruktur und dem phonologischen Bau einer Sprache. Analog dazu existiert in der Musik der Zusammenhang des (intentional systematisierten) Tonbestands mit der Notationsweise. Wie in der Sprache gibt es für Tonsysteme geeignete und ungeeignete Verschriftungsoptionen – je nachdem, was für klangliche oder klangfarbliche Charakteristika es sind, die verwirklicht werden wollen. So ist es vermöge der mittelalterlichen Neumen-Schrift nicht möglich, etwa eine Bachsche Fuge graphisch darzustellen. Und umgekehrt verfehlt die neuzeitliche und moderne Notation, die Tonort und Tondauer genau bestimmt, die musikalische Quintessenz des Gregorianischen Chorals. (13) Noch deutlicher ist der Zusammenhang bei der Übertragung außereuropäischer Musik in unser Notationssystem. Ungewiß bleibt, ob eine graphische Fixierung, die sich an jenen musikalischen Parametern orientiert, die unser Notationssystem bestimmen, auch jene Parameter zu erfassen vermag, die in der transkribierten Musik eigentlich relevant sind. Zum anderen überdeterminierte man das Schriftbild, wenn man versuchte, alle klanglichen Eigenschaften graphisch zu erfassen. Es würde sich dann um die musikalische Parallele einer bis zur Unlesbarkeit alphabetisch verschrifteten chinesischen Sprache handeln. (14)
3. Die Typologisierung des Systems und der Elemente des System
Als Grundelemente kultureller Systeme besitzen Töne wie Phoneme eine grundwesentliche Bedeutung. Freilich variieren sie je nach Kultur. Verschiedene Kulturen operieren innerhalb verschiedener Systeme. Becking war es darum zu tun, musikalische Systeme zu typologisieren, indem er die Eigenschaften untersuchte, die der Organisation des musikalischen Materials zugrunde liegen.
Kennzeichnend für den ersten Typus ist, daß der Tonverlauf nur ungefähr festgelegt ist, sich aber innerhalb eines feststehenden Tonraums bewegt. In den von Becking erwähnten serbokroatischen Heldenliedern
Eindimensional ist dieser Typus in dem Maße, wie darin der Einzelton den Ausschlag gibt. Dessen strukturelle Bedeutung ist nicht, wie bereits im zweidimensionalen System, abhängig von einer den funktionalen Zusammenhang bestimmenden inneren Verwandtschaft im Tonmaterial. Des weiteren gibt es keine vertikale Dimension. Linguistisch formuliert: Es gibt keine auf einer assoziativ-paradigmatischen Achse liegenden Einheiten, die das musikalische Geschehen mitstrukturierten. Gleichwohl heißt das nicht, in solchen eindimensionalen Systemen gäbe es nur unbegleitete Musik. So begleiten ja die Sänger montenegrinischer Volksepen sich selbst auf der Gusla. Allerdings tun sie dies „durchweg im Einklange“ (1: 303; kursiv im Original). Gesang und begleitendes Spiel laufen parallel, ohne daß die Begleitung den Gesang ausschmückt oder konterkariert. (15) Also ist die Musik eindimensionaler System linear, nur in der Horizontalen strukturiert und, was die Verwendung der Elemente des Tonsystems betrifft, sequentiell-kombinatorisch. Sie ist gleichsam monovalent. Zweidimensionale Systeme besitzen demgegenüber nicht nur eine größere syntagmatische Komplexität, sondern zusätzlich auch eine paradigmatische Ebene, auf der vertikale Beziehungen zwischen Tönen oder Tonkomplexen eine Rolle spielen. Allerdings führt dies noch nicht, wie in der abendländischen Kunstmusik, zu einer theoretisch abgesicherten Funktionalität der Tonbeziehungen, die sich aus dem System als solchem und dessen Struktur zwangsläufig ergibt. Erst die mit der europäischen Neuzeit einhergehende rationalisierende Ordnung des musikalischen Material bewirkt eine solche formale und strukturelle Selbständigkeit. So gesehen liegt das zweidimensionale System näher beim ersten Typus als beim dritten oder vierten. Wie im eindimensionalen System gibt es auch nur einen ungefähr feststehenden Tonverlauf und eine ungefähre Tonraumbegrenzung. Beispielhaft für den zweiten Typus ist die javanische bzw. balinesische Gamelan-Musik, die drei elementare Parameter aufweist, die vertikal und horizontal, mithin zweidimensional, den musikalischen Verlauf strukturieren. Jeder Parameter ist bestimmten Instrumenten zugeordnet. Bonang (ein Gongspiel) und Saron (ein Stahlplattenspiel) übernehmen die Aufgabe, das aus langen Notenwerten bestehende Hauptthema vorzutragen. In der Vertikalen treten Gender (ein Metallophon) und Gambang (eine Art Xylophon) hinzu, die die Hauptmelodie melismatisch anreichern und ausgestalten. Der dritte Parameter ist eine rhythmische Periodisierung, die verschiedene Gong-Instrumente markieren und das Stück in Abschnitte gliedert. Deutlich wird der Grundsatz der inneren Verwandtschaft im Tonmaterial vor allem syntagmatisch: durch eine musikalische Organisation in Modi, welche, festgelegt durch ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Tonleitern, melodische Grundformeln bieten. Die innere Verwandtschaft erklärt sich aus dem Umstand, daß alle Tonleitern, die denselben Zentralton haben, zusammen einen Modus bilden. Dreidimensionales und vierdimensionales System sind genuin abendländische Phänomene. Ihre Eigentümlichkeit: Rationalität, Theoriefähigkeit, Werkcharakter. – Das dreidimensionale System ist polyphon bzw. kontrapunktisch. Die seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts sich entwickelnde Mehrstimmigkeit erreichte im 13. und dann besonders im 14. Jahrhundert ihre erste Hochzeit. Meister wie Pérotin (zwischen 1155 und 1225), Guillaume de Machaut (1300–1377) und Francesco Landini (1324–1397) übten, indem sie die Ausdrucksmöglichkeiten des zwei- bis vierstimmigen Gesangs erweiterten, einen bedeutenden, stil- und schulbildenden Einfluß aus. John Dunstable (1370–1453) gelingt dann eine Art Synthese und Musterbeispiel des dreidimensionalen Systems. Bei ihm, den man einmal scherzhaft den einflußreichsten englischen Komponisten vor den Beatles genannt hat, sind die Stimmen melodisch und rhythmisch in einem bis dahin unbekannten Grad voneinander unabhängig. Sie führen sozusagen ein Eigenleben. (Was für die polyphon-kontrapunktische Musik im allgemeinen gilt). Die Töne existieren autonom im horizontal-linearen Melodieverlauf, ohne strukturell an Akkord- oder Melodiesätze gebunden zu sein. So eignet der polyphon-kontrapunktischen Musik eine große vertikale Komplexität. Kennzeichnend fürs dreidimensionale System ist, daß der aus dem Mit- und Gegeneinander der Stimmen sich entwickelnde, eher disparate Zusammenklang keinen funktionsharmonischen Nenner besitzt. Der musikalische Zweck liegt in diesem System darin, die Stimmenverläufe, bei gleichzeitiger, vertikal gestaffelter Realisation, zu verselbständigen. Jede Stimme führt die Melodie, keine ist nur begleitend. Was das dreidimensionale System auszeichnet, ist eine noch nicht hierarchisierte Gleichzeitigkeit des musikalischen Geschehens. Anders als im vierdimensionalen System hat der Einzelton keine Stellvertreteraufgaben in vertikalen, funktionsharmonischen, akkordischen Zusammenhängen. Was hier noch fehlt, ist eine vierdimensionale, vertikale Relationalität der Tonbeziehungen, die nicht auf dem reinen Widerspiel der Stimmen fußt, sondern den musikalischen Satz aus der Stufenfolge der Zusammenklänge bestimmt. Theoretisch ist die Komplexität des dritten Typus unendlich erweiterbar, praktisch aber hatte man in der Mitte des 16. Jahrhunderts diese Art der Komplexität über. Das war der Zeitpunkt, wo die funktionsharmonische Organisation des Tonmaterials auf den Plan trat: dessen Organisation sub specie vertikaler Relationen. Die Gesetzmäßigkeit des Aufbaus, die in diesen vier Systemen herrscht, erinnert Jakobson an die Typologie phonologischer Systeme. Beiden Systemen, dem lautsprachlichen wie dem musikalischen, liegt ein Elemente-Inventar zugrunde, das segmentiert und klassifiziert wird. Und so wie in der Musik ein Fundus basaler Einheiten mit bestimmten Merkmalen den akustischen (und ästhetischen) Charakter der Musik bestimmt, hängt in der Lautsprache die akustische Realisation vom jeweiligen phonologischen Bau einer Sprache ab.
4. Die systembildenden Elemente und ihre distinktiven Merkmale
Wie in der phonologischen Analyse ist es auch bei musikalischen Systemen möglich, die systembildenden elementaren Einheiten zu typologisieren, indem man ihre distinktiven Merkmale ermittelt. Das Ziel der Merkmal-Analyse ist, Eigenschaften zu isolieren, deren Vorhandensein bzw. Fehlen eine Reihe von Oppositionen bildet. In der Linguistik legt man hierzu Matrices an, worin die zu beschreibenden Einheiten, Phoneme etwa, mit den sie spezifizierenden Werten (bzw. deren Abwesenheit) verzeichnet werden, etwa: Velarität, Labialität, Stimmhaftigkeit, Dentalität, Nasalität. Wenn man dieses Vorgehen, wie von Jakobson gefordert, aber nicht verwirklicht, auf die von Becking typologisierten Ton-Systeme anwendet, dann sind die ein- bis vierdimensionalen Systeme die zu beschreibenden Einheiten und die Merkmale der System-Töne jene Werte, die die Einheiten näher bestimmen.
Vertikal stehen die Eigenschaften, die ein Ton-System ausmachen. In der Phonem-Analyse stünden dort die Eigenschaften der Phoneme. Horizontal stehen die untersuchten Einheiten, hier also nicht Phoneme, sondern Ton-Systeme. Trifft ein bestimmtes Merkmal (oder treffen mehrere Merkmale) auf ein System zu, setzt man ein Kreuz. Die Minuszeichen zeigen an, daß das entsprechende Merkmal abwesend ist. Entscheidend ist das Verhältnis der Systeme untereinander in bezug auf ein Merkmal. Differieren sie durch ein (oder mehrere) Merkmal(e), stehen sie in einem Verhältnis der Opposition und sind korrelativ. So bilden etwa das eindimensionale und das zweidimensionale System ein Korrelationspaar, denn sie unterscheiden sich, was den Grundsatz der inneren Verwandtschaft im Tonmaterial betrifft. Ein Korrelationspaar sind beispielsweise auch das dreidimensionale und das vierdimensionale System hinsichtlich der funktionsharmonischen Einbindung des Einzeltons.
5. Die Entwicklungsmöglichkeiten der Musiksysteme
Wie Becking geht Jakobson aus davon, daß lautsprachliche und musikalische Systeme diachronischen Veränderungen unterliegen, wodurch bestimmte Merkmale des Systems auf- bzw. abgewertet werden.
Wird ein relevanter Unterschied zwischen zwei Phonemen zu einem irrelevanten, liegt eine Phonemverschmelzung vor. So sind etwa verschiedene e-Laute des Althochdeutschen im Mittelhochdeutschen in ein neues Phonem aufgegangen. Die anfänglich bestehende Opposition wurde durch diesen Lautwandel aufgehoben. Wird ein irrelevanter Unterschied zwischen zwei Phonemen zu einem relevanten, handelt es sich um eine Phonemspaltung. Auf diese Weise spaltete das althochdeutsche /o/ sich zu /o/ und /ö/, wodurch sich das Phonem-Inventar vergrößerte. Im Althochdeutschen wurde das Phonem /o/ unterschiedlich ausgesprochen. Es gab mehrere Allophone (phonetische Varianten des lautlich realisierten Phonems), wobei bestimmte Allophone nur in bestimmten phonologischen Umgebungen vorkamen. Im Mittelhochdeutschen verwandelte das Phonem /o/ sich also in die beiden Phoneme /o/ und /ö/ und einige Allophone des Phonems /o/ verselbständigten sich auf diese Weise zu richtigen Phonemen. Solche Phonemspaltungen verdeutlichen, daß und wie ein irrelevanter Unterschied – nämlich der zwischen den Allophonen des Phonems /o/ – zu einem relevanten werden kann, (indem ein Allophon sich in ein neues Phonem verwandelt). Gibt es in der Musik eine Entsprechung? Es gibt sie zum Beispiel in der Entwicklung des mittelalterlichen, auf der Tonbewegung fußenden Tonsystems zu jenem späteren, worin das Approximative zu exakten Tonhöhen sich verfestigt. Wenn die innerhalb eines Tonsystems möglichen Tonverbindungen, eines nicht exakt oder überhaupt nicht skalierten Tonraums wegen, zufällig sind, ist die (potentiell) realisierbare Anzahl von Möglichkeiten, Tonverbindungen zu realisieren, größer. Weist das Tonsystem hingegen genaue Tonhöhen auf, ist die Verbindung der Töne nur über die vorgegebene, also verbindliche Abstufung zu realisieren. Wenn die Tonhöhen feststehende Parameter sind, gibt es nur EINEN Weg von Ton A zu Ton B. Zählt andrerseits eher das Relationale, das Dazwischen, dann kann der Musiker sich aussuchen, welchen Weg von Ton A zu Ton B er nimmt. Tonsysteme, die sich in bezug auf die Tonverhältnisse diachronisch verfestigen und verdichten, also bestimmte musikalische Möglichkeiten ausschließen – weil ein relevantes Merkmal der Tonbewegung zu einem irrelevanten wird –, machen mit den Tönen das, was die Phonemverschmelzung mit Phonemen macht. Der Phonemspaltung verwandt ist das musikalische Phänomen der Chromatik, also das der Alteration eines Tons um einen Halbton nach oben oder unten. Chromatische Töne beziehen sich immer auf die diatonischen Ursprungstöne. Durch das Einfügen einer chromatischen Stufe, etwa fis in der untransponierten diatonischen Skala, wird der Ganzton f–g aufgespalten in einen chromatischen Halbton f–fis und einen diatonischen Halbton fis–g. Genau so mithin, wie das Phonem /o/ sich zu /o/ und /ö/ aufspaltete, teilt der Ganzton f–g in sich die Halbtöne f–fis und fis–g. Wie der Phonembestand hat sich der Tonbestand erweitert. Auf höherer Ebene kommt es erneut zu einer Spaltung. Zunächst besteht die Aufgabe der Chromatik darin, die Musik melodisch und harmonisch anzureichern, indem sie Intervalle verändert. Die Tonart selbst bleibt jedoch bestehen. Wird das musikalische Material allerdings chromatisch sehr stark angereichert – wie während der europäischen Musikgeschichte geschehen –, löst die Ursprungstonart sich auf: Eine gültige Einheit, die Tonart, spaltet sich in neue Einheiten. In diesem Fall übernimmt die Tonart die Rolle des Allophons. Als Ergebnis der diachronischen Sättigung werden irrelevante Merkmale – irrelevant, weil systemkonform – zu relevanten, da bestimmte Eigenschaften sich verselbständigen und so neue Oppositionen ermöglichen.
6. Beziehungen zwischen geographisch benachbarten Systemen
Von Trubetzkoy und Jakobson stammt die Theorie der phonologischen Sprachbünde. Sie besagt, daß innerhalb eines begrenzten geographischen Gebietes in Verbindung stehende Sprachen sich strukturell annähern. (16) Wiewohl genetisch nicht verwandt, weist ihr grammatikalischer und phonologischer Bau Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten auf, die sich aus der langen sprachlichen Nachbarschaft erklären. DAS Beispiel für eine solche Allianz, die taxonomisch zu fassen ist, ist der sogenannte Balkan-Sprachbund, der sich aus dem Bulgarischen, dem Neugriechischen, Albanischen, Rumänischen und Makedonischen zusammensetzt. Jakobson meint, daß die von Becking erwähnten musikalischen Bünde, jene des südasiatischen und zentralasiatischen Raums etwa, dieselben Ethnien betreffen, die auch gemeinsame Sprachbünde bilden. Es liegt nahe, dieses Zusammentreffen als Hinweis auf noch umfassendere Kulturbünde zu deuten. Warum auch sollte der Austausch zwischen benachbarten kulturellen Gemeinschaften sich ausschließlich auf der wortsprachlichen und/oder musikalischen Ebene abspielen? Jakobsons Forderung, „die Grenzen und die Merkmale der einzelnen musikalischen und phonologischen Bünde zu vergleichen“ (15: 284), ließe sich so verallgemeinern und ausweiten. Im Aufsatz Angleichung zur Kommunikation: Über die phonologischen Sprachbünde (1931) heißt es:
Nichts spricht dagegen, dieses Vorhaben unterm Zeichen einer komparatistisch-interdisziplinären kulturellen Geographie zu verfolgen. Jakobson selber schreibt bereits 1929 in Über die heutigen Voraussetzungen der russischen Slavistik :
Tatsächlich seien die „Strukturgesetze der Musik und die der dichterischen Schallform ein besonders dankbares Material für das vergleichende Studium“ (15: 284). Dies deshalb, weil sich gerade die strukturalen Totalitäten Musik und Dichtung paradigmatisch als „Systeme von korrelativen Reihen“ (11: 55) beschreiben lassen. Beide besitzen „eine immanent zu betrachtende Struktur, die mit einer inneren Gesetzmäßigkeit ausgestattet ist“ (ebd.). Überdies widersetzten beide Systeme sich ihres dynamischen Charakters wegen genetisch-kausaler Erklärungsmodelle, erforderten vielmehr ein „Studium der Korrelation“ (ebd.). Der einzige Unterschied ist, daß in der Musik die „Gesamtheit von Konventionen sich auf das phonologische System beschränkt und [im Gegensatz zur Dichtung] keine etymologische Verteilung der Phoneme, also keinen Wortschatz besitzt“ (15: 284).
7. Syntax und Semantik
Die Frage, ob Musik eine syntaktische oder eher semantisch Kunst sei, wird seit alters gestellt. Der Auffassung, sie sei autonom, steht die Annahme ihrer semiotischen Heteronomie gegenüber. Vertreter der Autonomie-These führen aus, daß Musik keine außermusikalische Inhalte transportiere, sondern nur, auf einer gleichsam endosemantischen Ebene, strukturelle Bezüge innerhalb der Musik selbst herstelle. In seiner Schrift Vom Musikalisch-Schönen von 1854 hat Eduard Hanslick (1825–1904) diesen Standpunkt in bewundernswerter Vortrefflichkeit begründet.
Als ästhetisch-künstlerisches Phänomen trage die Musik ihre „Bedeutung in sich selbst“ (ebd.: 3):
In der und durch die Musik ereigne sich etwas Nichtableitbares, dessen ästhetischer Wert nicht herabgesetzt werden dürfe, indem man sie als Empfindungssprache betrachtet und einer „verrotteten Gefühlsästhetik“ anheimgebe (ebd.: 3). Musik sei nicht sprachähnlich, geschweige denn eine Sprache, weil die sie bildenden Tonreihen „ohne Beziehung auf ein außerhalb existierendes Drittes“ existierten (ebd.: 83).
Hanslick betont:
Im 20. Jahrhundert wird die Autonomie-These zumal von Igor Stravinskij (1881–1971) vertreten, der stets den selbstreferentiellen Charakter der Musik hervorgehoben hat.
Mit unüberbietbarer Radikalität erklärt sich dann John Cage (1912–1992) für eine semiotische Befreiung aller und also nicht nur musikalischer Klänge.
Im Gegensatz dazu betonen Vertreter einer semantisierenden Musikauffassung, daß Musik nicht allein formal-konstruktivistische Züge aufweise. Die ganze Musik-Ästhetik des 17. und 18. Jahrhunderts basierte auf der heteronomen Annahme, Musik sei eine Sprache der Empfindung. Man war überzeugt, musikalische Elemente würden nach den gleichen Maßstäben zusammengefügt wie Sprachausdrücke. So lesen wir bei Johann Nicolaus Forkel (1749–1818) – dem ersten Biographen Johann Sebastian Bachs und einflußreichen Musiktheoretiker seiner Zeit – in dessen Allgemeiner Geschichte der Musik von 1788:
Im 19. Jahrhundert vertrat Richard Wagner (1813–1883), in scharfer Gegnerschaft zu Hanslick, die These von der musikalischen Sprachfähigkeit. Während aber im 17. und 18. Jahrhundert Musik als Sprache des Herzens, als Ausdruck und Mitteilung der Affekte an das Gefühl, galt, erweitert Wagner das musikalische Sprachvermögen zur Mitteilung des sprachlichen Gedankens ans Gefühl.
Dadurch, daß die heteronome, exosemantische Auffassung die Impulse der Linguistik und der Informationstheorie aufgenommen hatte, konnte sie auch im 20. Jahrhundert ihren Weg machen. So schreibt Nicolas Ruwet (1932–2001) in seinem Aufsatz Von den Widersprüchen der seriellen Musik (1960):
In einem anderen Text Ruwets heißt es:
Freilich, bereits Hanslick hatte gegen solche Gleichsetzungen Einspruch erhoben. Hingegen ist eine Gemeinsamkeit von Musik und Sprache, daß sie gemeinsame Merkmale besitzen, was die Ordnung ihres Materials angeht. Während die Sprache aus ihrem Konstruktionsmaterial der Töne und Geräusche Zeichenmaterial entstehen läßt, gewinnt die Musik aus den Tönen und Geräuschen ihr Konstruktionsmaterial. Die strukturelle Genese verläuft ähnlich, doch mit entgegengesetztem Ziel. Das bedeutet: Musik ist nicht vonvornherein semantisch, kann aber semantisiert werden. In der Sprache ist das System die Voraussetzung der Kommunikation, in der Musik aber bereits das an sich Bedeutende.
Jakobson sagt, die Musikwissenschaft müsse „die Errungenschaften der Phonologie ausbeuten” (15: 284). Becking und er haben früh gezeigt, inwieweit das möglich ist. Durch Jakobsons Ansatz entstanden neue Möglichkeiten strukturaler Analyse, die es erlaubten, das, was innerhalb eines System dessen set of elements bildet, auf seine System-Eigenschaften hin zu untersuchen. Doch auch auf die alte Frage, ob Musik ein autonomes oder heteronomes System, ob sie von syntaktischer oder eher semantischer Natur sei, bietet Jakobson eine Antwort. Von ihm stammt ein bekanntes Kommunikationsmodell, das sechs Momente unterscheidet (17): 1. den referentiellen Zweck: Bezugnahme auf einen außersprachlichen Gegenstand: Objektsprache); 2. den expressiven oder emotiven Zweck: Vermittlung von Haltungen und Stimmungen des Senders; 3. den konativen Zweck: Dominanz der an einen Empfänger gerichteten Botschaft; 4. den phatischen Zweck: Kontakthalten ohne Beachtung des Inhalts; 5. den metalinguistischen Zweck: Sprache über Sprache: Metasprache; 6. den poetischen Zweck: Bezugnahme auf die Botschaft selbst. In der Musik, so Jakobson, komme vor allem der poetische Zweck zum Tragen; sie bestehe aus autotelischen Botschaften, die, statt etwas anderes mitzuteilen, nur auf sich selbst bezogen sind: Musik ist zuerst selbstreferentiell, sie habe ihren Zweck, wie schon Hanslick betonte, zunächst in sich selbst. In einer poetischen Botschaft werde
Das Primat der Poetizität schließt nicht aus, daß es keine Musik gibt, die auch zusätzliche Zwecke erfüllt. Man denke nur an musikalische Signale, die schlechterdings referentielle, konative, phatische Aufgaben erfüllen. Dennoch handelt es sich bei ihnen um musikalische Sonderfälle, eben weil kommunikative Zwecke in der Musik möglich, aber nicht, wie in der Wortsprache, condiciones sine quibus non sind.
(1) Das Verhältnis von Sprache und Musik im allgemeinen und das von Linguistik und Musikwissenschaft im besonderen ist noch immer ungeklärt. Genauer betrachtet hat die Debatte sich seit Roman Jakobsons semiotischen Studien nicht oder nur unwesentlich weiterentwickelt. Grund genug, erneut auf Jakobsons frühen, fast achtzig Jahre alten Text Musikwissenschaft und Linguistik zurückzukommen. Die folgende Analyse ist, soweit ich sehe, nicht nur der einzige Kommentar zu Musikwissenschaft und Linguistik, sondern auch eine systematische Darstellung der Zentralfragen, die sich aus einer interdisziplinären Verbindung von Musikologie und Sprachwissenschaft ergeben. Der Text entstand 2002 (überarb. Mai 2012). (2) 17: 132; kursiv im Original. (3) Die Folklore als eine besondere Form des Schaffens (1929, mit Petr Bogatyrev [1893–1971]). (4) Vom Stummfilm zum Tonfilm: Verfall des Films? (1933). (5) Jakobsons Anregungen wurden zuerst aufgenommen von Miloš Weingart (Etude du langage parlé suivi du point de vue musical avec considération particulière du tchèque, 1929), Antonín Sychra (Lidová písnen shlediska semiologického, 1948), George Springer (Language and Music: Parallels and Divergences, 1956), Leonard B. Meyer (Emotion and Meaning in Music, 1956). (6) Es mag sein, daß Jakobson durch die wissenschaftliche Tätigkeit seiner damaligen Frau, der Musikwissenschaftlerin und Ethnographin Svatava Pirkova Jakobson (1908–2000), angeregt wurde, sich mit diesem interdisziplinären Thema zu beschäftigen. (7) Beckings Prager Vortrag, der Jakobsons Text zugrunde liegt, wurde nie veröffentlicht. Es kann also nicht auf ihn zurückgegriffen werden, um Beckings Argumentation und dessen Beispiele en détail nachzuvollziehen. Das von Jakobson erwähnte Amsterdamer Referat Beckings (Der musikalische Bau des montenegrinischen Volksepos) wurde hingegen publiziert. Siehe dazu weiter unten. (8) Jakobsons Text erstaunt also um so mehr, weil er nicht in einem Fachorgan, sondern in einer gewöhnlichen Tageszeitung publiziert wurde: in der Prager Presse. Erschienen zwischen 1921 und 1938 als halboffizielles Organ der tschechoslowakischen Regierung, war sie ein Hort feuilletonistischer Schreibkultur, ihre Kulturrubrik, was die Qualität der Texte betrifft, konkurrenzlos. Nicht zuletzt sind heute die alten Ausgaben der Prager Presse wertvolle Quellen zur politischen und kulturellen Geschichte Prags während der Zwischenkriegszeit. (9) Vgl. 7: 30–66. (10) Vgl. 7: 43 ff. (11) Vgl. 7: 45 ff. (12) Zu betonen ist, daß hier, im Zusammenhang mit musikalischen Systemen, die Begriffe Bedeutung, Sinn, Ausdruck, Signifikation nicht auf Außermusikalische abzielen, (denn da ein Objektbezug fehlt, spielen denotative, referentielle, designative, konnotative Zwecke keine Rolle). Becking und Jakobson zufolge erhält der System-Ton eine strukturelle Bedeutung ob seiner nur ihm eigenen systeminternen grammatikalisch-syntaktischen Wertigkeit, – die ihm durch einen intentionalen Akt verliehen wird und ihn von anderen System-Tönen unterscheidet. Eine Vielzahl intentionaler Akte sorgt so dafür, daß ein, wie Jakobson betont, ad hoc gebildetes Regelsystem entsteht. Die Bedeutung, der Sinn einer musikalischen Einheit ergibt sich aus der ihr intentional zugeordneten Stellung in diesem Regelsystem, (wodurch diese strukturelle Bedeutung zu einer kognitiven Größe wird). Die mit der Bedeutung verknüpften Bewußtseinsinhalte sind nicht semantisiert, sondern auf einer rein strukturalen und formalen Ebene, wo die akustischen Einheiten hinsichtlich ihrer klanglichen bzw. klangfarblichen Attribute systematisiert werden; (je nachdem, was für Attribute man als [nicht] relevant erachtet). Die Musik folglich ist ein (zunächst) asemantisches Zeichen-System, dessen Elemente vor allem auf sich selbst verweisen. (13) Was man wohlgemerkt nur dann behaupten kann, wenn man Jakobson darin zustimmt, daß der Unterschied zwischen Neumen und modernen Noten nicht nur ein Schriftunterschied sei, sondern zuvörderst ein musikalischer. Da die Neumenschrift ihres approximativen Charakters wegen seit ihrer Einführung kritisiert wurde, könnte man hinter die Behauptung eines von ihr repräsentierten nicht ableitbaren Tonsystems, welches die Tonbewegung privilegiere und die genaue Tonhöhe als quantité négligeable betrachte, ein Fragezeichen setzen. Falsch wäre es, die von der Ungenauigkeit eines Notationssystems herrührenden Nachteile als Eigenschaften des Tonsystems selbst zu interpretieren. (14) Ein Problem, das Komponisten Neuer Musik gut kennen. Da sie die Realisierung vieler, nicht selten aller Parameter, mitunter sogar außermusikalischer, festlegen, haben ihre Partituren oftmals eine nachgerade labyrinthische Hyper-Komplexität. (15) Was die Analyse des Tonsystems sehr erleichtert: „Da die Griffe auf dem Instrument während des ganzen Spieles und Gesanges stets die gleichen bleiben, läßt sich fast immer eindeutig feststellen, welche Tonhöhe der Sänger meint, auch wenn er bei leidenschaftlich bewegtem Vortrage wesentlich »zu hoch« oder »zu tief« intoniert, ja die Beurteilung des Maßes an Emphase, die ihn zu Abweichungen treibt, ist abhängig von der Kenntnis des gemeinten Tonsystems.“ (1: 304; kursiv im Original) (16) Vgl. Jakobson 13: 452–459. (17) Vgl. 19: 355 ff.
1. Becking, Gustav: Der musikalische Bau des montenegrinischen Volksepos, in: Kramolisch, S. 303–313. 2. Cage, John: Silence. Lectures and Writings, London 1987. 3. Ders.: Experimental Music: Doctrine, in: ders.: Silence, S. 13–17. 4. Ders.: Experimental Music, in: ders.: Silence, S. 7–12. 5. Forkel, Johann Nikolaus: Allgemeine Geschichte der Musik, Leipzig 1788. 6. Hanslick, Eduard: Vom Musikalisch-Schönen, Darmstadt 1965. 7. Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen II/1, Husserliana Bd. XIX/1, Den Haag 1984. 8. Jakobson, Roman: Selected Writings II (SW II). Word and Language, Den Haag/Paris 1971. 9. Ders.: Selected Writings IV (SW IV). Slavic Epic Studies, Den Haag/Paris 1966. 10. Ders.: Semiotik. Ausgewählte Texte 1919–1982, Frankfurt a. M. 1992. 11. Ders.: Über die heutigen Voraussetzungen der russischen Slavistik, in: ders.: Semiotik, S. 50–69. 12. Ders. (mit Bogadyrev, Petr.): Die Folklore als eine besondere Form des Schaffens, in: ders.: SW IV, S. 1–15. 13. Ders.: Angleichung zur Kommunikation: Über die phonologischen Sprachbünde, in: ders.: Semiotik, S. 452–459. 14. Ders.: Zur Struktur des russischen Verbums, in: ders.: SW II, S. 3–15. 15. Ders.: Musikwissenschaft und Linguistik, in: ders.: Semiotik, S. 281–284. 16. Ders.: Vom Stummfilm zum Tonfilm: Verfall des Films?, in: ders.: Semiotik, S. 256–265. 17. Ders.: Was ist Poesie?, in: Schnelle 1972, S. 392–417. 18. Ders.: Nikolaj Sergeevič Trubeckoj, in: ders.: SW II, S. 501–516. 19. Ders.: Linguistics and Poetics, in: Sebeok, S. 350–377. 20. Ders.: On the Relation between Visual and Auditory Signs, in: ders.: Semiotik, S. 290–298. 21. Ders.: Language in Relation to Other Communicaton Systems, in: ders.: SW II, S. 687–708. 22. Ders.: Main Trends in the Science of Language, London 1973. 23. Ders.: Ein Blick auf die Entwicklung der Semiotik, in: ders.: Semiotik, S. 108–135. 24. Kramolisch, Walter (Hrsg.): Gustav Becking zum Gedächtnis. Eine Auswahl seiner Schriften und Beiträge seiner Schüler, Tutzing 1975. 25. Ruwet, Nicolas: Von den Widersprüchen der seriellen Musik, in: Die Reihe/Nr. 6, Wien 1960, S. 59–70. 26. Ders.: Langage, musique, poésie, Paris 1972. 27. Schnelle, Helmut (Hrsg.): Sprache und Gehirn. Roman Jakobson zu Ehren, Frankfurt a. M. 1981. 28. Sebeok, Thomas A. (Hrsg.): Style in Language, New York 1960. 29. Stravinskij, Igor: Musikalische Poetik, Mainz 1966. 30. Wagner, Richard: Oper und Drama, Gesammelte Schriften, Bd. 11, Leipzig 1914.
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