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Konzerteinführung (1)

 

Asger Jorn (19141973): Le canard inquiétant (1959)

 

Welche Eigenschaften muß ein Kunstwerk haben, um Kunstwerk heißen zu dürfen? Welche inhaltlichen und formalen Eigenschaften trennen Kunst von Nichtkunst? Sicher wird man, wenn man möchte, Eigenschaften finden, die scheinbar einen Gegenstand so nobilitieren, daß sie ihn in Kunst verwandeln. Doch stellen sich dann Fragen, die die Berechtigung und die Angemessenheit dieser Nobilitierung betreffen: 

1. Welche Kriterien lege ich zugrunde? 

2. Welche sozio-ästhetische und historische (oder politische) Genese haben diese Kriterien? 

3. Wie beeinflussen sie die Bewertung der ästhetischen Gegenstände? 

4. Bringt die Einteilung in Kunst und Nichtkunst einen Erkenntnisgewinn? 

5. Ist es notwendig/sinnvoll, Objekte in hehre Kunst und profane Nichtkunst einzuteilen und im zweiten Fall geringzuschätzen?

        Im letzten Grunde sind Kriterien zur Beurteilung von Kunst willkürlich, weil sie nicht von der je singulären Präsenz eines (ästhetischen) Gegenstandes, sondern von einer vorausgesetzten Differenz zu Objekten aus gehen, die man bereits als Kunstwerke klassifiziert hat. Nicht die je singuläre ästhetische Beschaffenheit eines Gegenstandes zählt, sondern dessen Ähnlichkeit mit bzw. Abweichung von Objekten, die bereits das Etikett Kunst tragen. Überwiegen Ähnlichkeiten, ist es Kunst, überwiegen Abweichungen, aktiviert man die ganze Bandbreite der Ablehnung: Nichtbeachtung, vorsätzliches Mißverstehen und Verächtlichmachen, Beschädigung und Zerstörung, Verbot.

        Was Kriterien zur Beurteilung von Kunst bewirken, ist, daß der sinnliche Reichtum der Erscheinungen insofern verschwindet, als er durch inhaltliche Überlegungen dem Blick entzogen wird. Ein Erkenntnisgewinn – eine Erweiterung der Wahrnehmungsweisen – findet nicht statt.

        Nun gibt es Künstler, die mit ihren Schöpfungen jenen Reichtum des sinnlich Erfahrbaren freisetzen wollen, der verloren geht, wenn man allein die Frage stellt, ob etwas Kunst sei oder nicht; Künstler, die die Vielgestaltigkeit der Welt, das freie Spiel von Differenzen, wahrnehmbar machen wollen. Sie tun dies, indem sie aus der Fülle einer mannigfaltigen Wirklichkeit schöpfen, auf diese Weise den überkommenen Kunstbegriff hinter sich lassen und einen neuen ermöglichen. Auf Ablehnung stoßen ihre experimentellen, avantgardistischen Werke, weil diese, ihrer indeterminiert-anarchischen Beschaffenheit wegen, dem widersprechen, was man gemeinhin unter Kunst sich vorstellt.

        Auch die 1968 entstandenen Edges des amerikanischen Komponisten (und Altphilologen) Christian Wolff (* 1934) – übrigens der Sohn des berühmten Verlegers Kurt Wolff (1887–1963) – sind ein solches offenes Kunstwerk. Edges ist graphisch notiert und besteht aus 31 unterschiedlichen Zeichen und Anweisungen, die über ein Blatt verstreut sind. Eine beigefügte Erklärung spezifiziert die Bedeutung der Zeichen (z. B.: hoch, tief, uneben, laut, leise, nachlässig, singend, schmutzig, plötzlich, kurz, hoch, tief resonnierend usw.) und mögliche Wege der Werkerarbeitung. Die Spieler haben also nicht völlig freie Hand. Keine Grenzen sind aber der Verklanglichung der Zeichen gesetzt, denn welche Instrumente/Klangerzeuger man einsetzt, um ein bestimmtes Zeichen in Klang zu verwandeln, entscheiden die Ausführenden. Wolff: „Der Interpret muß sich auf besondere Art und Weise anstrengen, nicht nur, um technisch zu lernen, wie meine Musik zu spielen ist, sondern auch in seinem Imaginationsvermögen, wie etwas, das im gegebenen Material offengelassen wurde, ausgefüllt werden kann.“ Dieser Spielraum sorgt dafür, daß Edges bei jeder Realisation anders und neuartig klingt bzw. klingen sollte. Man kann sagen, das ästhetische Potential von Edges entspricht einer durch Vielheit(en) bestimmten Wirklichkeit mehr als, beispielsweise, das ästhetische Potential einer Bachschen Fuge oder eine Sonate von Händel.

        Für unsere zwei Versionen von Edges verwenden wir folgende Instrumente/Klangerzeuger: Präparierte und elektronisch verstärkte Violine, Orgel, Blockflöte, Mundharmonika, eine Tröte, eine Trillerpfeife, Kuhglocken, ein Tonband mit vorbereiteten Musikzitaten, ein Metronom, einen Kochtopf, eine Porzellanschüssel, eine Metallschüssel, ein Blechstück, eine Teigstanzmaschine, Meißel und Raspel, einen Hammer, Münzen mitsamt einer Metallkassette, einen Fön, einen Rasierapparat, einen Wecker, eine Schuhbürste, ein Buch, eine Zeitung, ein Blatt Papier.

 

 

 

 

 

(1) Es handelt sich um selbstverfaßte Programmheft-Notizen zu einem Konzert, das am 16. 5. 1998 in der St. Andreas-Kirche in Salzgitter-Lebenstedt stattgefunden hat. (Hier die Werkfolge: ). Die steilen Thesen von damals würde ich so, oder so ähnlich, nicht mehr zur Diskussion stellen. Aber wie heißt es bei Michel de Montaigne: „Die Munterkeit und Lebhaftigkeit der Jugend kann keinen Bestand haben, man muß ihr etwas Blut und Kräfte nehmen, damit sie uns nicht selbst schädlich wird.“

 

 

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