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The times, they are a changin’ – but not always for the better. Von weißgardistischen Frondeuren, der Robert-Bosch-Stiftung und dem Deutschlandfunk (Oktober 2011, überarb. April 2012)
Die Weltgeschichte ist ein dialektischer Zickzack und verfügt über einen langen Atem. Parteigänger des Weltgeistes haben an ihr also nicht immer ihre Freude. Einigermaßen schlecht ergeht es ihnen, wenn das Denken wieder einmal zur Unvernunft herabfällt. Vernünftig ist es, wo man das Allgemeine erzeugt, um darin das Einzelne zu begreifen, unvernünftig, wenn Reaktionäre, Meinungsterroristen und Profiteure ihr Unwesen treiben und Einzelinteressen triumphieren. Wenn Frondeure frech werden und so lange keine Ruhe geben, bis der Weltgeist sein Wirken vorübergehend einstellt, bleibt vernünftigen Beobachtern nur, die Verluste zu verzeichnen und auf einen Wiederaufstieg hinzuarbeiten. Ein erster Anfang ist, die allgemeinen Tendenzen namhaft zu machen und zu rügen. Hat man durchschaut, daß und wie diese Tendenzen Ausdruck einer Gesamttendenz sind, rügt es sich ganz leicht. Die Gegenwart ist so heruntergekommen, daß man allenthalben Dinge zu sehen und zu hören bekommt, die in einer zivilisierteren Gesellschaft unmöglich wären. Die Vorstellung, wir lebten in einem neuen Mittelalter, ist weit verbreitet. Allein sie ist unwahr, denn tatsächlich erleben wir eine Re-Mythologisierung aller Lebensverhältnisse. Immerhin wiedererwachte im späten Mittelalter die Freude am Denken um seiner selbst willen, (und trotz ihrer Vorherrschaft: wider den Glauben und die Theologie). Der Mythos hingegen fetischisiert: Indem er Natur und Geschichte durcheinanderwirft, verleiht er dem, was ist, eine magische, das heißt unangreifbare Aura. Der Generalnenner unserer Zeit ist der Verzicht auf Widerstand. Folglich ist die Verlotterung des Denkens allseitig. Ihr zu entkommen, ist, solange man gelegentlich eine Zeitung aufschlägt, online ist, fernsieht oder -hört, unmöglich. – Im folgenden von einem besonders starken Stück intellektueller Verwahrlosung. Am 16. September 2011 sendete der Deutschlandfunk in seiner Freitags-Reihe Das Feature einen dokumentarischen Radio-Essai über den weißgardistischen Frondeur Roman v. Ungern-Sternberg (1885–1921). Diese in jeder Hinsicht verkommene und, zugegeben, ob ihrer Verkommenheit faszinierende Gestalt – Produkt einer deutsch-baltischen Sippe – verschlug es nach der endgültigen Niederlage der zaristischen Armee in der Oktober-Revolution marodierend über Sibirien in die Mongolei. Dort setzte sie alles daran, als Wiedergängerin Tschingis Khans ihr Glück zu machen. Das Ziel war ein dreifaches (und dreifach größenwahnsinnig). Zuerst: eine Großmongolei unterm Zeichen des militanten Buddhismus. (Nur von esoterischem Dunst umnebelte Köpfe können meinen, der Buddhismus sei die Religion des Friedens). Etappe zwei: Erneuerung der chinesischen Qing-Dynastie (1644–1911). Drittens: der gemeinsame Kampf gegen den gemeinsamen Feind: das revolutionäre Rußland. Tatsächlich gelang es im Februar 1921 Ungern-Sternberg mit seinen bescheidenen Truppen und nach mehreren Anläufen, aus der mongolischen Hauptstadt Niislel-Khuree (1924 in Ulan-Bator umbenannt) die chinesischen Truppen zu vertreiben und eine apokalyptische Schreckensherrschaft zu errichten. Erste Amtshandlung: ein bestialischer Pogrom an den jüdischen und chinesischen Bürgern der Stadt. Ebenfalls nicht verschont wurden alle irgend verdächtigen russischen Einwohner. Daß namentlich ›die Juden‹ an allem Schlechten in der Welt und zuletzt an der Russischen Revolution schuld gewesen seien, dessen war der paranoide Ungern-Sternberg sich ohnehin sicher. Immerhin war er so frei, wie die Radio-Dokumentation in grotesker Umkehrung der Fakten betonte, das horrible Geschehen nach drei Tagen durch Befehl zu beenden. Was bereits im Detail der Darstellung in besorgniserregender Weise schieflief, summierte sich im großen und ganzen zu einer abenteuerlichen Apologie. Der mehr oder minder deutlich ausgesprochene Tenor: Die ihm übelwollende Nachwelt übersehe, daß Ungern-Sternberg vor allem ein Bewunderer und Befreier der mongolischen Kultur und des mongolischen Vajrayana-Buddhismus gewesen sei. So habe er auch aus Überzeugung den Bogd Khan (1869–1924, religiöser Führer der Mongolei) reinthronisiert, (– woraufhin dieser ihm offiziell bescheinigte, die Wiederverkörperung des Kriegsgottes Begtse zu sein). Gegenwärtig, erfuhr man, feiere die mythisch aufgeladene Person Ungern-Sternberg in der Mongolei und andernorts eine Art Wiederentdeckung: als Vorkämpfer eines neuen, eines spirituellen und gleichzeitig autochthonen Bewußtseins, dessen Licht von Osten her leuchte. In diesem Zusammenhang fand schon 1924 Oswald Spengler (1880–1936) anerkennende Worte für den mallen Baron. (1) Was man freilich mit Stillschweigen überging, war, daß die zahlreichen Fans Ungern-Sternbergs, wen wundert’s, in der Neo-Nazi- und Neo-Faschismus-Szene herumstrolchen. (2) Nicht zu verhindern ist, daß die ihr Unwesen im Netz treiben. (3) Daß aber dem imbezillen Massenmörder, dem hysterischen Antisemiten und bekennenden Okkultisten Ungern-Sternberg auch im Deutschlandfunk eine wohlwollende Rehabilitation gewährt wird, ist mehr als bedenklich. Wie gesagt: Derart verwahrlost ist die Jetztzeit, daß man Dinge, die undenkbar wären in einer zivilisierteren Gesellschaft, inzwischen wieder überall zu sehen und zu hören bekommt. Zweitrangig ist übrigens die Frage, ob das Bild Ungern-Sternbergs, das hier entstand, aus Naivität oder doch mit voller Absicht so apologetisch geraten war: Ignorantia legis non excusat. Wem verdanken wir das Propagandastück Dschingis Khan für ein halbes Jahr. Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe? Sein Autor ist ein gewisser Mario Bandi, Photograph, Theater-, Filme- und Radiomacher, über den die üblichen Quellen nicht viel bzw. gar nichts berichten. Was wir gleichwohl wissen, ist, daß sein durchaus aufwendiges Hörstück nicht möglich gewesen wäre ohne die finanzielle Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung. (4) Daß die Robert-Bosch-Stiftung sich nicht als Sprachrohr aller Entrechteten versteht, ist weder erstaunlich noch verwerflich. Und doch ist es zum mindesten bedenklich (und ein Symptom der Gesamttendenz), daß allein im Programmbereich Grenzgänger, wo Bandis Radio-Dokumentation Aufnahme fand, von den neun zuletzt geförderten Projekten sich sieben als revanchistisch erweisen. (5) Es ist eine Mischung aus Geschichtsvergessenheit, intellektueller Trägheit und zweifelhafter Gesinnung, die solchen Entgleisungen zugrunde liegt. (6) Und nicht zuletzt: Wenn der Zeitgeist die Summe solcher Entgleisungen ist, ist die Entgleisung der Normalfall. Sich dagegen zu immunisieren, ist zugleich notwendig und gefährlich. Notwendig, weil man andernfalls irre wird. Gefährlich, insofern man droht selbst Haltung und Gesittung zu verlieren. Naht Rettung? Die ist so wahrscheinlich wie der Gijur Mahūd Ahmadī-Nežāds. Der vernünftige Weltgeist, wer kann es ihm verdenken, hat sich verzogen, und solange er schwächelt, bleibt eben nur, die Verluste namhaft zu machen und den Wiederaufstieg vorzubereiten.
(1) „Heute ist auf der ganzen Erde jede Art von politischer Macht und Tradition derartig zersetzt, daß verhältnismäßig sehr kleine Kräfte in der Lage sind, ganz außerordentliche Umwälzungen hervorzurufen. / Eine derartige Möglichkeit hat einmal sehr nahe gelegen durch das Auftreten des Barons von Ungern-Sternberg in Turkestan, der 1920 eine gegen den Bolschewismus gerichtete Armee zusammenbrachte, mit der er nach kurzer Zeit Mittelasien fest in der Hand gehabt hätte. Dieser Mann hat die Bevölkerung weiter Gebiete bedingungslos an sich gefesselt, und wenn er gewollt hätte und den Bolschewisten seine Beseitigung nicht geglückt wäre, so läßt sich nicht absehen, wie das Bild Asiens sich heute bereits ausnehmen würde. Wenn in diesen Jahren ein solches Heer begeisterter Anhänger eines geborenen Führers, Abenteurers und Eroberers mit der Parole »Asien den Asiaten« aufbräche, so ist es gewiß, daß es weder in China noch in Indien ernsthafte Hindernisse fände. [...] In der Bauernschaft der russischen und asiatischen Erde, von der Weichsel bis an die Grenzen Indiens und Chinas, über die alle großen Kulturen bis jetzt wie Schatten fortgeglitten sind, regt sich die religiöse Inbrunst, halb christlich-orthodox, halb bolschewistisch verkleidet, ihres eigentlichen Wesens noch kaum bewußt, und aus ihr kann eines Tages die große Erscheinung hervorgehen, die in einem ungeheuren Ansturm das Bild Asiens und damit die diplomatischen Ziele und Hoffnungen der Welt von Grund aus verändert. Vielleicht wird eines Tages die heilige Revolution ebenso blutig losbrechen wie einst die rote. Das Beispiel des Barons von Ungern-Sternberg zeigt, mit wie geringen Mitteln Asien in einer Form mobil zu machen ist, gegen die es keinen Widerstand gibt.“ (kombiniert aus: Neue Formen der Weltpolitik, in: Politische Schriften, München 1933, S. 159–183; ebd., S. 178; Neubau des deutschen Reiches, in: Politische Schriften, a. a. O., S. 187–295; ebd., S. 294) (2)
Da wir keine Zensur haben, ist es möglich, z. B. über YouTube Dreck wie
diesen zu verbreiten: Tribute to Baron Roman Ungern von Sternberg –
the God of War – aganist red bolshevism and Soviet terror
(3) Kostproben? Nicht gern und nur zum Zwecke der Dokumentation (Orthographie unverändert übernommen): „We need more Madmen like him! Otheriwise jews and capitalist and communist world order will control Mankind!“ / „Russian nobelman, warhero, defender of the monarchy, anticommunistic warlord, god of war! Hail you forever!“ / „Maybe [!] the Baron is dead, but his ideal in definitely not!“ / „smash the bolshevism animals! Hail the Blody White Baron!“ / „One of the gratest heroes of our times. He incarnates Eurasia, the solar empire, the true alliance between the Aryans and Asians against the south-spawned ideologies (humanism, communism). Lng live his memory“ / „He knew what to do with Jews“ (Usw. usf.) – Alle Zitate von YouTube-Usern. (4)
Die offizielle Seite des Ungern-Sternberg-Projekts: (5)
Man sehe und entscheide selbst: (6) Erinnert sich noch jemand jenes Hermann Schäfer, der 2006 in seinem damaligen Amt als Stellvertretender Kulturbeauftragter der Bundesregierung in einer Rede zur Eröffnung des Kunstfestes Weimar vor ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald das Schicksal der deutschen ›Vertriebenen‹ beweinte (und dafür von den anwesenden Opfern jener ›Vertriebenen‹ nur von der Bühne gebuht wurde)?
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