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Vermeers Mädchen mit dem Weinglas

Das
Mädchen mit dem Weinglas (1662)
Am
Ende seines Films All the Vermeers in New York (1990) setzt der
amerikanische Auteur Jon Jost (*1943) eine visuelle Pointe, die die merkwürdige
Wirkkraft der Vermeerschen Bilder, die Unmittelbarkeit ihres ästhetischen
Reizes auf den Betrachter, trefflich illustriert. In der im Metropolitan
Museum spielenden Sequenz wird die weibliche Hauptfigur des Films von einem
Vermeer-Gemälde physisch absorbiert: Sie verschwindet, während sie es
betrachtet, im Bild. Eine angemessene
Visualisierung der wahrnehmungspsychologischen Sogwirkung, die von
Vermeers Darstellungen ausgeht.
Originell ist es nicht, die Interieurs des Delfter
Meisters (1632–1675) ihrer
gleichsam hypnotischen Qualität wegen zu rühmen. Doch ihre Atmosphäre
ist enigmatisch, ihre Wirkung ist suggestiv. Es sind diese bereits etlichemal benannten Eigenschaften, die zwischen
den Vermeerschen Bildern und dem Betrachter eine seltene Nähe entstehen
lassen. Das, was die Avantgarden der ästhetischen Moderne anstrebten:
die Aufhebung der Grenze zwischen Betrachter und Betrachtetem, erreicht
Vermeer gut 250 Jahre früher auf eine ganz eigene Art und Weise. Indem
er seinen zur Kontemplation einladenden Szenerien, philosophisch-wahrnehmungspsychologisch gesprochen, nicht die
Anmutungsqualität des Ansichseins, sondern die Anmutungsqualität
des Fürsichseins verleiht – also bewußt dem Akt der
Wahrnehmung Rechnung trägt –, gelingt es ihm, eine gleichsam chiastische Verbindung zwischen Betrachter und Betrachtetem
zu knüpfen. Man meint,
unmittelbar adressiert zu sein, nicht als
distanzierter Beobachter, sondern als stiller Zeuge eines
quasi-lebendigen Geschehens. Vermeer berechnet das Zusammenspiel der
Farben, Formen, Perspektiven so, daß die Wirkung nicht retinal
bleibt, sondern als Wirklichkeit sui generis wirkt. Es ist die
geometrisierte, fast photographische Beschaffenheit der
Kompositionen, die zusammen mit der irreal wirkenden Lichtregie den Vermeer-Effekt
auslöst: Bildwirklichkeit und Betrachterwirklichkeit scheinen
ineinszufallen. Darauf spielt Jon Josts eingangs erwähnter Kunstgriff
an. Zitieren wir Paul Claudel (1868–1955), der diesen Effekt mit der ihm eigenen
Emphase namhaft macht:
Ein
Gemälde von Vermeer beschauen wir nicht, nicht eine Minute lang
streichelt unser Blick verzückt darüber hin, sondern wir sind sofort
mitten in ihm, wir bewohnen es. Es reißt uns in sich hinein. Wir
werden ihm gewissermaßen einverleibt. Wir spüren seine Form um uns
wie ein Gewand. Die Stimmung, die es erfüllt, erfüllt auch uns. Mit
allen unseren Poren, allen unseren Fibern, mit allem Lauschen unserer
Seele gehen wir ganz in diese Bilder ein. (Claudel, S. 26)
Daß
der Vermeer-Effekt wirken kann – daß
das Kunstwerk durch den Akt des Betrachtens stets aufs neue lebendig zu
werden vermag und wir uns durch den Akt des Betrachtens stets aufs neue
unserer sinnlichen Existenz bewußt werden können –, liegt an
bestimmten Voraussetzungenen. Die Veermeerschen Bilder sind nicht nur
historisch-ästhetische Dokumente, Abbilder sozialer und kultureller Verhältnisse,
ikonographisch entschlüsselbare res iudicatae. Sie besitzen eine tiefere
Struktur-Ebene, die offen ist, also ahistorisch und asemantisch. Das, was
man als Vermeer-Effekt bezeichnen kann, erklärt sich nicht oder
teilweise nur aus der narrativen Ordnung der Bilder, nicht oder
teilweise nur aus ihrem semantischen Realgehalt und/oder ihrem
verborgenen Sinngehalt. Es ist wesentlich die strukturelle Anordnung
bzw. Gestaltung
der Bildelemente als solche, die den Darstellungen einen ästhetischen Mehrwert
verleiht – wodurch die Oberfläche, das oberflächlich Sichtbare, zum
eigentlichen Bedeutungsträger der Bilder wird. Ihre raffiniert
aufgebaute Oberfläche ist es, die paradoxerweise die Sogwirkung der
Darstellung/des Dargestellten auslöst.
Wenn es etwas gibt, wodurch Vermeers Kunst sich auszeichnet, dann ist es
die Fähigkeit, Oberflächen, Lichtmodulationen, Luftqualitäten,
Stofflichkeiten, Texturen, formale wie materiale Beschaffenheiten etc. im Bild so darzustellen, daß die Darstellung das Ansichsein des
Dargestellten aufhebt und zu einer, im eigentlichen Wortsinne, Sensation wird. Nicht unbedingt
bedeutet dies, daß das Dargestellte, daß die Semantik des Bildinhalts,
unwichtig sei. Was es bedeutet, ist, daß Vermeers Malerei die Welt der
Begrifflichkeiten und Bedeutungen hinter sich läßt, um direkt auf der
Ebene unseres leiblich-sinnlichen Seins zu operieren. Sie erschöpft
sich nicht darin, Trägerin ikonographisch entschlüsselbarer Narrative
zu sein, sondern ist vor allem mit der Darstellbarkeit dessen befaßt,
was zwischen Betrachter und Betrachtetem sich ereignet.

Inwieweit Vermeers Bilder
Genrebilder sind? Nur insoweit, als er bestimmte Elemente der Genremalerei – à la Frans
Hals (1580–1666), Adriaen Brouwer
(1605–1638), Adriaen van Ostade (1610–1685), Gerard Dou (1613–1675), Gerard Ter Borch (1617–1681), Gabriel
Metsu (1629–1667), Pieter de Hooch (1629–1684), Pieter Janssens
(1632–1682),
Nicolaes Maes (1634–1693), Frans van Mieris (1636–1681) – übernimmt, um sie,
gleichsam als
Experimentator, seinen vielschichtigen Gemälden anzuverwandeln.
Was ihn von Genremalern unterscheidet, ist, daß er
Literarisch-Anekdotisches, Emblematisches, Allegorisches hintansetzt
und vor allem an der Befreiung der Bildmittel interessiert ist. Daran,
wie man Farbe, Linienführung und gestalterischen Aufbau so auf dem
Bildträger organisiert, daß jeder profane Zweck sub specie des ästhetisierten
Wechselspiels von Licht, Raum und Mensch verblaßt. Genrehafte Residuen
gibt es nur als Mittel zum Zweck, nicht als Selbstzweck.
Arthur Schopenhauer
(1788–1860) hat als raison d’être der Genremalerei die
Fixierung flüchtiger Szenen des Lebens bestimmt. Im Hinblick auf
Vermeer ist das nicht völlig falsch, aber unzureichend.
Was ihn von den Genremalern unterscheidet, ist, daß es ihm im letzten Grunde nicht
um die Darstellung bestimmter Ereignisse zu tun ist, sondern um die ästhetische
Inszenierung des Dargestellten. Während die zeitgenössischen
Genremaler zuerst darum bemüht sind, ihre Figuren glaubhaft zu
charakterisieren, geht Vermeer auf die
unwiederbringliche Einmaligkeit des Augenblicks. Die ästhetische Feier
des Augenblicks ist es, worauf er zielt.
Wie raffiniert Vermeer sich der Topoi der Genremalerei bedient und sie
gleichzeitig ent-semantisiert, zeigt nicht zuletzt Das Mädchen mit dem
Weinglas. Man erkennt: Vermeer ist bemüht, die Wirklichkeit
des Dargestellten gleichsam einzufrieren, die sonst von Maler und Betrachter vorausgesetzte Narrativität des Dargestellten aufzuheben, um
den vergänglichen Augenblick einzufangen. Indem sie das Dargestellte aus
(s)einer gedachten Chronologie befreien, spalten Vermeers Bilder
gewissermaßen das Zeit-Kontinuum.
Das Mädchen mit dem Weinglas
ist später entstanden, ca. 1662, als das ähnliche Bild Das
Glas Wein
von
1660/61. In Vermeers Schaffen markiert es einen
Wendepunkt. Im Vergleich zu den vorangegangenen
Werken besitzt es ein feineres, samtigeres Gepräge. Gemalt in Öl auf
Leinwand, beträgt das Format 77,5 × 66,7 cm – womit das Mädchen
etwa genauso groß ist wie das inhaltlich und kompositorisch verwandte,
kurz zuvor (1658) gemalte Bild Eine
Frau mit zwei Offizieren
von Pieter de Hooch. In Vermeers Werkkatalog gehört es zu den größeren Formaten; nur vier Bilder sind
größer: Bei der Kupplerin (1656, 143 × 130 cm), Schlafendes
Mädchen (1657, 86,5 ×76 cm), Briefleserin am offenen Fenster
(1659, 83 × 64,5 cm), Dame mit Dienstmagd und Brief (1666/67, 92 × 78,7 cm).
Auch bemerkenswert: Es gehört zu den wenigen von Vermeer signierten Bildern. Auf der Fensterscheibe rechts unten findet sich die
Kennzeichnung IVMeer.
Der Zustand des Mädchens ist im allgemeinen gut, doch hat man es
in der Vergangenheit nicht immer mit der gebotenen Vorsicht behandelt.
Die Wand zwischen den männlichen Figuren weist Spuren von Retuschen
auf, der Arm und die Ärmelchen des Mädchens, vor allem aber die
Gesichter des Kavaliers und des Mädchens, wurden durch unsachgemäße
Korrekturen verschlimmbessert.

Das
Mädchen, neben dem Konzert zu dritt (1664) das einzige
dreifigurige Gemälde Vermeers – sein
frühes, noch untypisches Bild Christus bei Maria und Martha
(1654–56) kann vernachlässigt werden –, zeigt eine Szene leicht frivolen Müßiggangs. In der Ecke
eines bürgerlichen Interieurs haben sich drei soignierte Personen
zusammengefunden: eine
junge Frau, zwei Männer. Was sie zu verbinden
scheint, ist die Bereitschaft, die Grenzen des Schicklichen auszumessen.
Aufmerksamkeit beansprucht vor allem das im Vordergrund dargestellte
Paar. Die junge Dame – ihr rotseidenes Gewand mit ellenbogenlangen, in
weißen Spitzenrüschen auslaufenden Goldbrokatärmeln ist von einer
Erlesenheit sondergleichen – führt zögerlich mit der rechten Hand
ein Glas Weißwein, das sie, wie ihre Vorgängerin in Das Glas Wein,
formvollendet an dessen unterem Ende zwischen Daumen und Zeigefinger hält.
Sie sitzt auf einem Stuhl, der nahezu parallel zum Betrachterstandpunkt
positioniert ist. (Derselbe
Stuhl dient im Bild Stehende
Virginalspielerin
von 1674/75 als Repoussoir).
Der Reiz des Bildes entsteht zunächst dadurch, daß das Mädchen aus
dem Bildraum
heraus den Blick des Betrachters sucht. Diese Geste bestimmt das
Narrativ der Szene. Da sie sich dem Betrachter nicht frontal gegenüber
befindet, sondern ihm, sitzend, seitlich gleichgerichtet ist, erhält
ihr Blick eine intentionale Qualität, die Vermeers Bild hermeneutisch
in der Schwebe hält. Trotzdem sie sich dem Betrachter zuwendet, bleibt
das Mienenspiel der jungen Frau unbestimmt. Sie lächelt,
doch wirkt ihr Lächeln befangen. Grund genug für den das Mädchen
umwerbenden, sich tief hinunterbeugenden Kavalier, sie mit einer
gleichzeitig ermunternden und vorsichtigen Bewegung der rechten Hand zu
animieren, (wieder?) vom Wein zu nippen. Sein Gesichtsausdruck verrät gespannte
Erwartung, sein distinguiertes Aussehen, daß wir es mit einem gentilhomme
zu tun haben, einer Person, die das Gebot der
Schicklichkeit eigentlich kennt und respektiert. Dazu im Widerspruch: seine
Ermutigung, dieses Gebot zu übertreten, sich der Sinnenlust
hinzugeben. Er poussiert dem Mädchen, das ihm keine offensichtliche
Antipathie entgegenbringt, eher zwischen Neugierde und Vorsicht hin und
her gerissen zu sein scheint, – was davon unterstrichen wird, wie sie etwas unbeholfen mit der Linken nach dem auf
ihrem Schoß liegenden weißen Tuch greift.
Allein, vielleicht täuscht der erste Eindruck? Ist es vielleicht die junge
Frau, die den Kavalier vom rechten Weg abbringt? Säße sie, wäre
sie verschüchtert, so aufrecht? Warum wendet sie sich vom Kavalier ab und dem Betrachter zu? Man könnte meinen, mit ihm
versichere sie sich einer Komplizenschaft. Drückt ihr Lächeln nicht Verlegenheit, sondern
eher eine gewisse
Schläue aus? Genauer besehen offenbart sich eine
Doppeldeutigkeit, die es unmöglich
macht, eine endgültige Rollenverteilung vorzunehmen.
Währenddessen sitzt abseits, rechts hinter dem Paar im Schatten, ein
zweiter Mann. Nicht weniger vornehm als der Kavalier, ist er in ganz anderer Stimmung: In melancholischer Pose hat er am Tisch Platz
genommen, und mit geschlossenen Augen sowie dem auf der zu einer Faust
geformten rechten Hand abgestützten Kopf wirkt er nur physisch anwesend.
(Eine Pose, die Das
schlafende Mädchen
von 1656/57 in Erinnerung ruft).
Er scheint mit den Gedanken woanders zu sein, vielleicht ist er
eingenickt. Welche Gründe gibt es für den nachdenklich oder schläfrigen
Zustand? Mag sein, daß er das gerade sich zutragende Schauspiel einer
Verführung in statu nascendi widerwillig verfolgt, weil er beim
Mädchen weniger Erfolg (gehabt) hat, gerne selbst die Stelle des
Nebenbuhlers einnähme. Oder er ist der Eskapaden seines Freundes überdrüssig
und verfolgt gelangweilt einen weiteren Eroberungsversuch. Auch möglich
ist, daß ihn nicht die Schäkereien, sondern Wein- und
Tabakgenuß in seinen Zustand versetzt haben.
Der Tisch ist umhüllt mit einer Tafeldecke, dessen Tiefblau aufs schönste
vom Weiß eines ohne Sorgfalt abgelegten, über die Tischkante
hinabfallenden Tuches und vom strahlenden Rot des Gewandes sich abhebt.
Durchs geöffnete, mit Wappen und Emblem ornamentierte Fenster fällt
Licht, das ein Stilleben mit Apfelsinen (oder Zitronen?) auf einem
Silbertablett illuminiert. Ein (auch aus anderen Bildern Vermeers
vertrauter) Henkelkrug, eine vermutlich mit Tabak gefüllte Papiertüte
und ein kleiner Pfeifenkopf verweisen möglicherweise auf den Mann im
Hintergrund: Weinkrug, papierener Tabakbeutel und Pfeife könnten
andeuten, daß seine Absence sich diesen Genußmitteln verdankt.

Vermeer
hat bestimmte Gegenstände und Posen mehrmals dargestellt. Auch auf ganze bildkompositorische Dispositive und bestimmte Räume greift er wiederholt zurück. Die Stube des Mädchens
hat er für neun weitere Werke genutzt: Das
Glas Wein, Lautenspielerin am Fenster (1664),
Konzert zu dritt, Allegorie der Malerei (1666/67), Der
Liebesbrief (1669/70), Briefschreiberin und Dienstmagd
(1670), Allegorie des Glaubens (1671–74), Stehende
Virginalspielerin (1673–75), Sitzende Virginalspielerin
(1673–75). (Vgl. dazu Philip
Steadman: Vermeer’s Camera,
Oxford 2001). Ein weiteres Beispiel ist der mit einem
emblematischen Wappen versehene Buntglasfensterflügel, der ebenfalls im
Bild Das Glas Wein auftaucht. Die Figur, die das Wappen ziert,
ist eine Personifikation der dritten Haupttugend temperantia: Selbstbeherrschung.
Wie in Gabriel Rollenhagens (1583–1619) berühmtem Nucleus
emblematum (1611) sind der
Allegorie Zaumzeug und Winkelmaß attribuiert: Kennzeichen eines
beherrschten sowohl als genügsamen Naturells. Der Rollenhagens
Emblem beigegebene Sinnspruch warnt: „Übe
Mäßigkeit! Das Herz weiß das Maß nicht zu wahren und den Gefühlen
Zügel aufzuerlegen, wenn es vom Glückshauch getroffen wird.“
– Im
Hinblick auf das Spiel der Verführung einerseits, auf den im
Hintergrund möglicherweise als Opfer seines Wein- und Tabakgenusses
dargestellten Mann andrerseits, sagt die Semantik des Bildes: Wahre
das Maß!
Auch formal ist der ikonographische Zusammenhang des Glasfensters mit
dem Bildgeschehen gegeben. Die Position des Fensters ist so
bildbestimmend, im Geschehen so
präsent, daß der Bezug sich nachgerade aufdrängt. Die untere Kante des
Rahmens zeigt auf den Mann im Hintergrund, während das Paar
genau parallel zum Rahmen, im einfallenden Licht, placiert ist. – Vom Licht beschienen ist auch
das Stilleben. Als Anspielung auf die
verschiedenen Stadien der Verführung kann man das Obst interpretieren: eine Frucht ist unberührt, bereits geschält die zweite. Tabak
und Wein, das ist klar, symbolisieren dann Haltlosigkeit und Unreife.
Klar
ist auch: Der sichtbaren Retuschen wegen gehört das Mädchen mit dem
Weinglas nicht (mehr) zu den besten Werken Vermeers. Einesteils nicht so
gravierend, daß sie die Aussage des Bildes beeinträchtigen würden, stören
sie dennoch den Gesamteindruck. Die von anderen
Vermeer-Bildern bekannte Wirkung eines schier makellosen ästhetischen
Arrangements mag sich nicht einstellen. An der allgemeinen Qualität
besteht indes kein Zweifel. Nicht zuletzt von besonderer Bedeutung ist
das Mädchen, weil es in Vermeers Schaffen einen Wendepunkt
markiert. Im Vergleich zu den früheren Gemälden ist das Bild
auffallend schlicht. An die Stelle des ursprünglich eher
naturalistischen Stils, dessen Schlußpunkt Das Glas Wein
setzt,
tritt der Versuch, mehr
das Spiel der Farben, Formen und
Perspektiven als solches
einzufangen. Verbunden damit ist eine Abwendung von einer betont
narrativen Malerei – obschon auch das Mädchen
eine bestimmte Botschaft transportiert – zugunsten ästhetischer
Versuchsanordnungen, die zuallererst die raffinierte Inszenierung unmittelbarer
Augenblickswirkungen gestatten. Vermeers Malerei wird körperlos(er),
das Dargestellte verliert an realer physischer Dichte, um als quasi-immaterielles Phänomen aus Licht und Schatten
weiterzuexistieren.
Vielleicht wird, was gemeint ist, deutlicher, wenn man
sich etwa die
Dienstmagd mit Krug
(1658–60) vergegenwärtigt
und dem Mädchen mit dem Weinglas gegenüberstellt. Mit
ausgesprochen kräftigen und kontrastreichen Strichen ist die Dienstmagd
zum Leben erweckt, während im Mädchen die Pinselführung differenzierter ausfällt. Vermieden
werden (bis dahin gerne eingesetzte) Impasto-Effekte
und starke Gegensätze. Die
frühere, eher sthenische Darstellungsweise weicht einer Verfeinerung
der wiedergegebenen Formen und Stoffe: einer auf Verschmelzung zielenden
Ästhetik. Eine stilistische Entwicklung, die den naturalistischen und
deskriptiven Zug der Bilder noch weiter in den Hintergrund treten läßt
zugunsten des formalen Raffinements. Zu beachten ist, wie die Wiedergabe der Formen und Stoffe sich einem
Gesamtzug unterordnet. Was das angeht, bildet Vermeer gewissermaßen
einen Gegenpol zu Ter Borch, der seine mit außergewöhnlicher Präzision
ausgeführten Darstellungen von Pelzen und von Seiden-, Samt- und Brokatstoffen
so ins Werk setzt, daß der ästhetisch-künstlerische Zweck bereits in
Gestalt dieser Darstellungen erreicht ist. (Vgl. nur Das
Konzert
von 1675). Bei Vermeer hingegen gibt es immer die übergeordnete Struktur einer bildbestimmenden Farb- und Licht-Skala, der
die Wiedergabe von Stofflichkeit untergeordnet ist. Während Ter Borch
dazu neigt, die sinnlichen Qualitäten des Dargestellten so zu
idealisieren, bis sie, vortrefflich realisiert, in singulärer Präsenz
aufleuchten, ordnet Vermeer alle Bildelemente dem organisch entwickelten
Ganzen unter. So versagt er zwar im Mädchen der blauen
Tafeldecke, dem weißen Tuch und dem roten Seidengewand ein Letztes an
quasi-Ter Borchschem Glanz, gewinnt dadurch aber, sub specie der vereinheitlichenden Lichtregie, eine
Homogenität in der
Gesamtdarstellung, die sich verselbständigende Lokaleffekte nicht
zuläßt.
Das Mädchen gehört zu den insgesamt drei Darstellungen Vermeers, die auf ein
Repoussoir verzichten. Der Bildeinstieg bleibt frei und
wirkt so unmittelbarer. Nichts Künstliches grenzt den
Betrachter von den Figuren ab, so daß er stärker
als üblich ins Bildgeschehen einbezogen ist. Besonders beim Mädchen
kommt diese Wirkung zur Geltung, weil es zusätzlich den Betrachter
direkt anschaut.
Ein weiteres Charakteristikum ist, daß Vermeer die Figuren aus der
Untersicht darstellt, gleichzeitig aber den Bildhorizont in die obere Hälfte
verlagert. Indem er den Horizont der Figuren senkt und den des
Bildganzen anhebt, gelingt ihm ein wahrnehmungspsychologisch paradox
wirkender Aufbau. Den Figuren scheint eine gewisse bigger-than-life-Qualität
zu eignen, die durch den insgesamt hohen Horizont wieder
aufgehoben wird. Einerseits dünkt dem Betrachter, der Untersicht wegen,
die Figuren seien unnahbar, andrerseits zieht ihn der Bildhorizont direkt
ins Bildgeschehen. Der Vermeer-Effekt erklärt sich nicht zuletzt aus dieser leichten Manipulation der
Wahrnehmung.

Bekannt
ist, daß die holländische Malerei sich in der Mitte des 17.
Jahrhunderts verwandelt. Während Genre-Malereien bis dahin zuvörderst Alltagsdarstellungen gewesen
waren, Darstellungen der unteren Schichten des Volkes, das bei seinen Vergnügungen gezeigt wurde
– Darstellungen à la Brouwer oder Ostade –,
ging man nun dazu über, die Welt des
(wohlhabenden) Bürgertums zu zeigen, und damit einher ging eine Übernahme
seines Werte-Kanons. Noch Brouwer, Ostade und ihren Kollegen wäre es nicht eingefallen,
das bunte Treiben der Bauern und des Proletariats moralisch zu
verurteilen. (Was auch heuchlerisch gewesen wäre, da sie diesem Treiben
künstlerisches Profil und Einkommen verdankten). Ein Hang
zum Moralisieren kommt aber in der bürgerlich gewordenen (Genre-)Malerei
zum Ausdruck, nämlich, wie im Mädchen, in Gestalt
symbolischer Anspielungen und allegorischer Referenzen.
Für die Kunst selbst und deren Verhältnis zur Welt bedeutete das Bürgerlich-Werden
zweierlei. Zum einen kam es, namentlich in der Delfter Schule, formal
zu einem Qualitätsschub; zum anderen half die Malerei inhaltlich
dabei, das neue bürgerliche Subjekt mitzuerschaffen. Genauer: die
Art und Weise, in der es sich wahrnahm und wahrgenommen werden wollte.
(Ein sozial-psychologischer Automatismus, der dann bis ins 20.
Jahrhundert hinein die gesellschaftliche Situation der Kunst und der Künstler
bestimmt). – Bei Vermeers
Bildern, deren bevorzugter Gegenstand die Frau ist, stellt sich vor
diesem Hintergrund die Frage, inwieweit seine Frauendarstellungen diese
Entwicklung widerspiegeln. Handelt es sich um Darstellungen, die einen
Ist-Zustand abbilden, oder war ihr Ziel, ein Idealbild der Frau zu zeichnen, das der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft zur
Orientierung gereichen sollte?
Bei Vermeer kann man dieses Bürgerlich-Werden der Kunst verfolgen,
indem man
die frühen Gemälde Die Kupplerin
(1656), Das schlafende Mädchen
und Der Soldat und das lachende Mädchen
(1658) mit den späteren
Bildern vergleicht. Während die Darstellungen der Kupplerin, des
Schlafenden Mädchens und des
Lachenden Mädchens ihren
(inhaltlichen) Reiz dadurch erhalten, daß sie ein unbürgerliches
Verhalten zeigen, thematisiert das Mädchen mit dem Weinglas
moralische Werte und Kategorien, die das Verhalten einer jungen
Frau des Bürgertums bestimmen sollten. Nicht erotisch-sexuelle
Abenteuer jenseits
des Comment oder der Müßiggang im allgemeinen werden evoziert, es wird
vor den Fährnissen der
Sinnenlust und des Sich-gehen-Lassens gewarnt. Während die früheren Bilder noch eine gewisse
Selbstbestimmtheit oder Unbedarftheit zum Ausdruck bringen, obliegt es dem Mädchen mit
dem Weinglas, sich an die Regeln zu halten. So betrachtet riefe das Bild
in Erinnerung, wie eine junge Frau des Bürgertums sich
(nicht) verhalten sollte.

Obschon
es in der holländischen Malerei keine Seltenheit war, Figuren aus dem
Bildraum herausblicken zu lassen, unterscheidet Vermeers Mädchen
sich von der Tradition in einem entscheidenden Punkt: Der Blick der jungen Frau unterbricht das Narrativ, er friert das
Geschehen gewissermaßen ein. Während bei herkömmlichen Bildern, aus denen
heraus Figuren den Betrachter anschauen, der inhaltliche
Gesamtzusammenhang nicht auseinandergerissen wird – vgl. etwa Nicolaes Maes’ Lauschende
(1656) –, kommt es
bei Vermeer zur vollständigen Unterbrechung jener Ereignis-Chronologie,
die der Betrachter sich automatisch ausdenkt oder vorstellt. Um so größer
ist seine Irritation ob dieses Aufschubs, – der, das ist das
Raffinierte, ja niemals aufgehoben werden kann. Es ist dieser Augenblick
des Einhaltens, worin die eigentliche inhaltliche Bedeutung des Bildes liegt. Was Vermeer gelingt, ist,
den Betrachter, dadurch, daß dieser das Gemälde betrachtet, auf sich
selbst als Betrachtenden zurückzuwerfen. Anders gesagt: Die Situation
des Betrachters ist ein Ergebnis dessen, was zwischen
Betrachtetem und Betrachtendem sich ereignet. Dieses Dazwischen ist
jener imaginäre Ort, wo der hermeneutische Impuls sich verläuft und
der Ambivalenz des Dargestellten unterliegt. Das Mädchen spielt
mit der Phantasie des Betrachters, es setzt sie in Gang und hält sie in
Bewegung, bis er erkannt hat, selbst im Mittelpunkt des Bildes zu stehen, insofern der eigentliche Gegenstand des Bildes das Verhältnis
zwischen Wahrnehmung und ästhetischer Konstruktion ist.
Was also zum ersten Mal bei Vermeer zutage kommt, ist eine neue
Möglichkeit der Kunst. Eine Möglichkeit, die erst in der
Moderne systematisch genutzt wird. In letzter Instanz ist die Vermeersche Kunst
weder eine Darstellung dessen, was ist, noch ist sie eine performative
Orientierungshilfe für moralisches Handeln. (Wohlgemerkt: in letzter Instanz; – was nicht ausschließt, daß
sie dies auch ist, aber eher am Rand). Vermeers reife Kunst ist vor
allem der Versuch, die Kluft zwischen Betrachter und Bild zu schließen,
der Versuch, dadurch die Wahrnehmung des Betrachters zu beeinflussen, daß das
Dargestellte als Dargestelltes dargestellt wird: nicht als
Dargestelltes an sich, sondern als Dargestelltes für uns,
die Betrachter. Betrachter und Betrachtetes eint hier eine unhintergehbare
Abhängigkeit, und es ist der Blick des Mädchens, als Unterbrechung des
Dargestellten, der die Unmöglichkeit einer ansichseienden (Bild)Wirklichkeit
ins Bewußtsein treten läßt. Die Unterbrechung, der Aufschub, die
Suspension ist die hinreichende Bedingung des ästhetischen Seins des
Vermeerschen Gemäldes und Voraussetzung dafür, daß der Betrachter im
und durch den Akt des Betrachtens sich selbst erkennt. Vermeers Mädchen
vernachlässigt den Bildsinn zugunsten
eines inneren Automatismus, der das Ideal einer inhaltlichen Teleologie
ins Unendliche aufschiebt. Weder formal noch inhaltlich geht das Gemälde
mit nur einer Wahrnehmungsweise konform. Seine Bedeutung ist zugleich
anwesend – in der Oberfläche,
im oberflächlich Sichtbaren – und abwesend, da seine
Bedeutung zwischen dem Betrachter und dem Sichtbarem liegt: im
Unsichtbaren also. Der Sinn des Bildes ist uneinholbar, er löst
sich auf in dem, was unsichtbar bleibt, bleiben muß.
Vermeers Werk im allgemeinen, das Mädchen mit dem Weinglas im
besonderen, erzeugt und vorenthält Sinn; freigesetzt werden
Effekte einer Spur, die Sinn ermöglicht und verweigert. Was dem
Betrachter unmittelbar bleibt? Das Bild in seiner Materialität
als Farbfläche. Man kann auf die différance Jacques
Derridas (1930–2005) verweisen: auf jene als anwesend-abwesend bzw.
abwesend-anwesend zu verstehende Bewegung, die das, was ist, hervorbringt, ohne selbst in Erscheinung zu
treten. Wie überhaupt Sinn durch die Bewegung dieser différance in
einen unendlichen Aufschub gerät, liegt der Sinn des Vermeerschen
Bildes nicht in einer dem Betrachter unmittelbar gegebenen Bedeutung.
Auf eigenartige Weise fühlt der Betrachter des Mädchens sich
in der Darstellung aufgehoben, er ist sozusagen mit ihr verflochten. Die
leiblich-sinnliche Existenz des Betrachters und die ästhetische
Existenz des Bildes gehen eine Verbindung ein. Der Blick des Mädchens
gleicht einem Spiegel, durch den die Existenz des Betrachters auf diesen
zurückgeworfen wird, und die, um als Existenz erfahrbar zu sein, eines
Gegenübers bedarf. Es war namentlich Maurice Merleau-Ponty (1908–1961), der den Zusammenhang
von Sehen und Gesehen-Werden, von Sehendem und Sichtbaren, philosophisch
untersucht hat. Zum Schluß daher ein Zitat aus L’Œil
et l’Esprit, das als Beschreibung jenes Automatismus gelesen werden
kann, der beim Betrachten des Veermerschen Gemäldes wirkt. Denken wir uns
also das Gesicht des Mädchens als einen Spiegel, der uns
widerspiegelt.
Ce
n’est pas un hasard, si souvent, dans la peinture hollandaise
(et dans beaucoup d’autres), un intérieur désert est digéré par
l’œil rond du miroir. Ce regard préhumain est l’emblème de
celui du peintre [oder des Betrachters im allgemeinen]. Plus complètement
que les lumières, les ombres, les reflets, l’image spéculaire ébauche
dans les choses le travail de vision. […] Le miroir a surgi sur le
circuit ouvert du corps voyant au corps visible. […] Le miroir
apparaît parce que je suis voyant-visible, parce qu’il y a une réflexivité
du sensible, il la traduit et la redouble. Par lui, mon dehors se
complète, tout ce que j’ai de plus secret passe dans ce visage,
cet être plat et fermé que déjà l’eau. […] Le fantôme du
miroir traîne dehors ma chair. Et du même coup tout l’invisible de
mon corps peut investir les autres corps que je vois. Désormais mon
corps peut comporter des segments prélevés sur celui des autres
comme ma substance passe en eux, l’homme est miroir pour l’homme.
(Merleau-Ponty, S. 33 ff.)



Claudel,
Paul: Vom Wesen der holländischen Malerei, Wien 1937.
Merleau-Ponty,
Maurice: L’Œil et l’Esprit, Paris
1964.
Steadman,
Philip: Vermeer’s Camera. Uncovering the Truth Behind the Masterpieces,
Oxford 2001.

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