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Zu Richard Wagners Antisemitismus und dessen Wirkungsgeschichte (1)

(2004)

 

Arno Breker (19001991): Wagner-Büste (1955)

 

Im 1937/38 verfaßten, 1952 erschienenen Versuch über Wagner schreibt Theodor W. Adorno (19031969)

Der Wagnersche Antisemitismus versammelt alle Ingredienzien des späteren in sich. Der Haß führt so weit, daß die Nachricht vom Tode von vierhundert Juden beim Wiener Ringtheaterbrand ihn zu Witzen inspirierte. Selbst den Gedanken von der Vernichtung der Juden hat er bereits konzipiert. Von seinen ideologischen Nachfahren unterscheidet er sich dabei nur, indem er die Vernichtung der Rettung gleichsetzt.

Wagners Antisemitismus ist, was den Antisemitismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anbetrifft, qualitativ und quantitativ eine feste Größe. Sein Judenhaß ist militant und übersteigt das zeitübliche Maß. Wagners antisemitische Adepten stießen nicht auf hermeneutische Schwierigkeiten, als sie dessen antijüdische Weltanschauung mit weiteren rassenmythologischen und völkisch-nationalistischen Lehren verschmolzen. Bereits zu seinen Lebzeiten gehörte Wagners Judengegnerschaft wesentlich zum antisemitischen Diskurs. Die Berufsrassisten und -antisemiten Joseph Arthur de Gobineau (1816–1882), Paul Anton de Lagarde (1827–1891), Otto Glagau (1834–1992) und Wilhelm Marr (1819–1904) übersandten ihm ihre Schriften und Wagner las sie mit Begeisterung. Cosima Wagner (1837–1930) notiert am 26. Februar 1879 in ihr Tagebuch: Ankunft einer Broschüre von Herrn Marr, »Der Sieg des Judentums«, welche Ansichten enthält, die Richards sehr nahe stehen.“  Und am 13. Oktober desselben Jahres: Ich lese eine sehr gute Rede des Pfarrers [Adolf] Stoecker [18351909] über das Judentum. Richard ist für völlige Ausweisung. Wir lachen darüber, daß wirklich, wie es scheint, sein Aufsatz über die Juden den Anfang dieses Kampfes gemacht hat.

        Wagner glaubt tatsächlich, seine Schrift Das Judentum in der Musik (1850/1869) stehe am Anfang jener antisemitischen Bewegungen, die mit Stoeckers Tätigkeit als Hof- und Domprediger in Berlin einen ersten Höhe- bzw. Tiefpunkt erreicht. Man mag das für Selbstüberschätzung halten. Doch so oder so: Wagner definiert sich über seinen Antisemitismus, die genannten Rassisten und Antisemiten erweisen ihm als Wegbereiter und spiritus rector ihre Reverenz. Nach einer Aufführung des Parsifals in Bayreuth, ein halbes Jahr nach Wagners Tod, schreibt Stoecker 1883 in der Deutschen Evangelischen Kirchenzeitung:

Wem es vergönnt war, am Abend nach der Vorstellung eine Stunde im Kreise der Familie des heimgegangenen Künstlers zu verkehren und den in allen Gliedern desselben pulsierenden, ebenso gemütvollen wie national gestimmten Geist zu spüren, der wird die Empfindung von Bayreuth mit nach Hause nehmen, daß hier noch heute in einem edlen Sinne Großes erstrebt, Großes erreicht wird. Die bewundernswerte Energie, mit welcher Wagner der Feindschaft getrotzt hat, spiegelt sich in dem Kunsttempel wider, der auf dem Hügel Bayreuths dasteht als Denkmal einer gewaltigen Arbeit, die in ihrer Weise an der Erneuerung des deutschen Lebens mitzuwirken gedachte.

Daß und wie für Wagner diese Erneuerung des deutschen Lebens die gesellschaftliche, wenn nicht sogar die physische Eliminierung der Juden voraussetzt, zeigt bereits die Schrift Das Judentum in der Musik.

        Dieses wirkungsgeschichtlich folgenreichste wie verhängnisvollste antisemitische Pamphlet Wagners erscheint im September 1850 in der (von Robert Schumann gegründeten) Leipziger Neuen Zeitschrift für Musik unter dem Pseudonym Karl Freigedank, neunzehn Jahre später, 1869, als selbständige Broschüre unter eigenem Namen als Antwort auf Liberalisierungsmaßnahmen, die u. a. dazu führten, daß die rechtliche Gleichstellung der Juden 1862 in Baden, 1864 in Württemberg und 1869 in Preußen gesetzlich verankert wurde. Ideengeschichtlich von Bedeutung ist Wagners Schmähschrift vor allem, weil sie dem bis dahin üblichen politischen, ökonomischen und theologischen Antisemitismus biologistisch-völkische Stegreifspekulationen hinzufügt. 

        Ebenso auffällig wie degoutant: der gehässige, mitunter das Ekelhafte streifende Ton, auf den die Schrift vom ersten bis zum letzten Satz gestimmt ist. Um sein Anliegen zu rechtfertigen, setzt Wagner sich zunächst vom Liberalismus ab, der für die Selbstbestimmung der Juden eingetreten sei, dies aber nur abstrakter Gründe wegen getan habe.

Indem wir für die Freiheit des Volkes uns ergingen, ohne Kenntnis dieses Volkes, ja mit Abneigung gegen jede wirkliche Berührung mit ihm, so entsprang auch unser Eifer für die Gleichberechtigung der Juden vielmehr aus der Anregung eines allgemeinen Gedankens, als aus einer realen Sympathie; denn bei allem Reden und Schreiben für Judenemanzipation fühlten wir uns bei wirklicher, tätiger Berührung mit Juden von diesen stets unwillkürlich abgestoßen.

Wagner gibt sodann eine irrationale Erklärung des Antisemitismus, die diesen als natürliche und also berechtigte Erscheinung dazustellen sucht:

Wir haben uns das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, daß sie stärker und überwiegender ist, als unser bewußter Eifer, dieser Abneigung uns zu entledigen. Noch jetzt belügen wir uns in dieser Beziehung nur absichtlich, wenn wir es für verpönt und unsittlich halten zu müssen glauben, unseren natürlichen Widerwillen gegen jüdisches Wesen öffentlich kundzugeben.

Wagner meint, eine dunkel-geheimnisvolle instinktmäßige Abneigung“ gegen Vernunftgründe ausspielen zu können. Natürlich bleibt die von ihm versprochene Erklärung dieser Abneigung aus. Was statt dessen breiten Raum einnimmt? Antisemitische Vorurteile, die Wagner völkisch und rassistisch unterfüttert. Er spricht von der Notwendigkeit, dem Judentum entgegenzuwirken, von einem Befreiungskampf gegen die Juden, der alle Kräfte beanspruche:

Diese Kräfte gewinnen wir aus dem genauen Bekanntwerden mit der Natur der uns innewohnenden unwillkürlichen Empfindung, die sich uns als instinktmäßiger Widerwille gegen das jüdische Wesen äußert: an ihr, der unbesieglichen, muß es uns, wenn wir sie ganz unumwunden eingestehen, deutlich werden, was wir an jenem [jüdischen] Wesen hassen.

Man gebe acht: Wagner spricht von Haß. Und warum man DEN Juden hassen sollen müsse, das sagt er ohne falsche Zurückhaltung:

Der Jude fällt uns im gemeinen Leben zunächst durch seine äußere Erscheinung auf, die, gleichviel welcher europäischen Nationalität wir angehören, etwas dieser Nationalität unangenehm Fremdartiges hat: wir wünschen unwillkürlich mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben. [...] Ungleich wichtiger ist jedoch die Beachtung der Wirkung auf uns, welche der Jude durch seine Sprache hervorbringt. Der Jude spricht die Sprache der Nation, unter welcher er von Geschlecht zu Geschlecht lebt, aber er spricht sie immer als Ausländer. [...] Der Umstand, daß der Jude die modernen europäischen Sprachen nur wie erlernte, nicht als angeborene Sprachen redet, [muß] ihn von aller Fähigkeit, in ihnen sich seinem Wesen entsprechend, eigentümlich und selbständig kundzugeben, ausschließen. [...] Im besonderen widert uns nun aber die rein sinnliche Kundgebung der jüdischen Sprache an. [...] Als durchaus fremdartig und unangenehm fällt unserem Ohre zunächst ein zischender, summensender und murksender Lautausdruck der jüdischen Sprechweise auf: eine unserer nationalen Sprache gänzlich uneigentümliche Verwendung und willkürliche Verdrehung der Worte und der Phrasenkonstruktionen gibt diesem Lautausdrucke vollends noch den Charakter eines unerträglich verwirrten Geplappers, bei dessen Anhörung unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich mehr bei diesem widerlichen Wie, als bei dem darin enthaltenen Was der jüdischen Rede verweilt. [...] Hören wir eine Juden sprechen, so verletzt uns unbewußt aller Mangel rein menschlichen Ausdruckes in seiner Rede: die kalte Gleichgültigkeit des eigentümlichen »Gelabbers« [...] steigert sich bei keiner Veranlassung zur Erregtheit höherer Leidenschaft. [...] Steigert der Jude seine Sprechweise gar zum Gesang, so wird er uns damit geradewegs unausstehlich. Alles, was in seiner äußeren Erscheinung und seiner Sprache uns abstoßend berührte, wirkt in seinem Gesange auf uns endlich davonjagend, so lange wir nicht durch die vollendete Lächerlichkeit dieser Erscheinung gefesselt werden sollten.

Seitenlang hält Wagner den Ton und verschärft ihn noch. Klar ist, wie er das Judentum und DEN Juden sieht: Er betrachtet sie schlechterdings als Fremdkörper innerhalb eines eigentlich organischen und völkisch homogenen Ganzen, das, um diese seine Identität zu bewahren, sich gegen die zersetzende Kraft des jüdischen „Parasitentums“ wehren müsse. Der von Wagner beschriebene Jude ist als solcher unfähig zur Assimilation, unfähig, bedeutende Kulturleistungen zu erbringen, unfähig zu edler und nobler Gesinnung und Empfindung. Wagners Haß gipfelt in der Feststellung, Juden seien zu „rein menschlichem Ausdruck“ nicht fähig. Damit ist Wagner einer der ersten, die DEM Juden aus- und nachdrücklich eine vollständige Teilhabe am Humanum abspricht. Und so überrascht es auch nicht mehr, wenn er sie an einer besonders widerlichen Stelle mit Würmern vergleicht, die einen Lebensorganismus zersetzen. Cosima hat in ihre Tagebüchern zahlreiche solcher Äußerungen notiert. Wagner vergleicht Juden mit Warzen, gegen die kein Mittel helfe, mit der Pest, mit Mäusen und Ratten. Wie weit, darf man fragen, ist es von Bayreuth nach Auschwitz? Am 18. Dezember 1881 notiert Cosima: Richard „sagt im heftigen Scherz, es sollten alle Juden in einer Aufführung des »Nathan« verbrennen.Die ganze Tragweite dieses Eintrags wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in den NS-Vernichtungslagern Menschen zwar nicht während einer Aufführung des Nathan, aber zu Wagners Musik vergast wurden.

 

 

Welche Wurzeln hat Wagners Judenhaß? Vier Punkte sind zu nennen.

        Erstens. Wagner ist überzeugt, mit allen Mitteln gegen die moderne, also kapitalistisch organisierte Welt ankämpfen zu müssen. Denn aus Geld, Besitz und Eigentum rührten „alle Frevel der Geschichte her“. Verhängnisvoll wirkt sich hier die Angewohnheit aus, reale Menschen für Symbolfiguren eines objektiven geschichtlichen Weltgeistes zu erklären. Die moderne, der Religion des Geldes verfallene Welt glaubt Wagner, weil seine Empörung sich auf die Figur des jüdischen Bankiers richtet, von Juden beherrscht. Für diese (eingebildete) Vorrangstellung der Juden im Wirtschaftsleben macht Wagner biologistisch „die Hartnäckigkeit des jüdischen Naturells“ verantwortlich.

        Zweitens. Als Antidot gegen die angebliche Versklavung der Menschheit durch jüdisches Geld, jüdischen Besitz und jüdisches Eigentum, beschwört Wagner das Volk bzw. den schöpferischen Volksgeist bzw. die Überlegenheit des christlich-germanischen Volksgeistes. Damit knüpft er an Traditionen der deutschen Romantik an, kann sich in diesem Zusammenhang aber auch auf Teile des politischen Liberalismus berufen, der nicht selten das Ideal der Volkssouveränität zum Vorwand nahm, um antijüdische Ressentiments zu schüren. Bei Wagner kommt hinzu, daß der propagierte pangermanische Nationalismus, der das Volk als unhintergehbare und heilbringende Kraft beschwört, nicht kulturell, sondern unter Hinweis auf einen mystischen Naturtrieb begründet wird:

Ihr irrt nun also, wenn ihr die revolutionäre Kraft im Bewußtsein sucht und demnach durch die Intelligenz wirken wollt. Nicht ihr, sondern das Volk, das unbewußt, deshalb aber eben aus Naturtrieb handelt, wird das Neue bringen. Das Volk sind also die, die unwillkürlich und nach Notwendigkeit handeln.

Wagner spricht im Namen eines Volksgeistes, dessen vermeintliche Überlegenheit er gegen Gleichheits-Grundsätze ausspielt.

Die Demokratie ist in Deutschland ein durchaus übersetztes Wesen. Sie existiert nur in der Presse, und was diese deutsche Presse ist, darüber muß man sich eben klar werden. Das Widerwärtige ist nun aber, daß dem verkannten und verletzten deutschen Volksgeiste diese übersetzte französisch-jüdisch-deutsche Demokratie wirklich Anhalt, Vorwand und eine täuschende Umkleidung entnehmen konnte.

        Drittens. Ein persönliches Motiv des Wagnerschen Antisemitismus ist der Haß auf die jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (18091847) und Giacomo Meyerbeer (17911864). Kreidete er Mendelssohn dessen Genialität an, die er bei sich selbst in dieser Form vermißte, nahm er Meyerbeer dessen Monopolstellung in der Pariser Opernwelt übel, – die Wagner während seines Paris-Aufenthaltes (18391842), was mißlang, erobern wollte.

        Viertens. Auch möglich, (aber unergiebig): eine psychoanalytische Deutung. Wagner quälten (wohlbegründete) Zweifel, ob er wirklich der Sohn des ersten Mannes seiner Mutter, des Polizeibeamten Friedrich Wagner, sei. Wahrscheinlich war er der Sohn seines angeblichen Stiefvaters, des jüdischen Schauspielers Ludwig Geyer. Als Schüler wurde er seines angeblich jüdischen Aussehens und seines jüdisch klingenden Namens wegen gehänselt. (Bis zum vierzehnten Lebensjahr hieß er Richard Geyer). Die psychoanalytische Deutung geht davon aus, daß er durch alles das einen tiefen Haß auf sich selbst und auf das Jüdische an und in ihm entwickelt hatte, den er dann mit unnachgiebiger Härte nach außen projizierte.

        Wagners Antisemitismus ist in vielen seiner Texte, erst recht in Cosimas Tagebüchern, präsent. Neben dem Judentum in der Musik sind zu erwähnen: Die Kunst und die Revolution (1849), Was ist deutsch? (1879), Religion und Kunst, (1880), Heldentum und Christentum (1881). In der letztgenannten Schrift, entstanden aus Anlaß der neuen Reichsgesetzgebung über die Gleichstellung der Juden, spricht er von einer an die Juden erteilten

Vollberechtigung, sich in jeder erdenklichen Beziehung als Deutsche anzusehen, – ungefähr wie die Schwarzen in Mexiko durch ein Blanket autorisiert wurden, sich für Weiße zu halten.

Wagner tadelt diese „Frivolität unserer Staatsautoritäten“ und wundert sich, daß sie „eine so ungeheuere, unabsehbar folgenschwere Umgestaltung unsres Volkswesen dekretieren konnten“. Im selben Jahr 1881 führt er in einem Brief an Ludwig II. (18451886) aus,

daß ich die jüdische Rasse für den angeborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte: daß namentlich wir Deutschen an ihnen zugrunde gehen werden, ist gewiß, und ich bin vielleicht der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrechtzuerhalten wußte.

Wagners zweifelhafter Rang als Antisemit ergibt sich daraus, daß er weit über jene Judenfeindschaft hinausgeht, die DEN Juden mit dem Geld assoziiert oder theologisch begründet ist. Worauf er zielt, ist eine Religion des Deutschtums, deren Unterlage ein biologistisch gewendeter Judenhaß sein möge. Aus den sogenannten Regenerationsschriften erfährt man, daß Wagner nicht nur eine neue Religion inaugurieren will, sondern als Heilsbringer zusätzlich einen vom Judentum befreiten, arischen Jesus beschwört.

 

 

Welche Wirkungsgeschichte hatte Wagners Weltanschauung? Noch zu Lebzeiten entsteht der sogenannte Bayreuther Idealismus: eine von Jüngern ausgeheckte, erstaunlich einflußreiche Ideologie, in deren Mittelpunkt messiasgleich Wagner erstrahlt. Rasch entwickelte sich ein Wagner-Cultus, der von Beginn an mit politischen Forderungen verknüpft war. Höchstes Ziel der Bayreuther Idealisten war die weltanschauliche Einheit aller Deutschen, ein Ziel, das von Wagner vorgegeben worden sei, der hier an die Seite Bismarcks (18151898) gestellt wurde, welcher schon die politische Einheit aller Deutschen herbeigeführt hatte. Wagner selbst behauptete einmal von sich selbst, „mit Bismarck der einzig lebende Deutsche zu sein, der etwas wert ist“. Die von den Wagnerianern angestrebte nationale Einigkeit sollte mit obrigkeitsstaatlichen Mitteln herbeigeführt werden. Als Antidot gegen einen verhaßten demokratischen Verfassungsstaat wurde die Verbindung von staatlicher Autorität und kultureller Eintracht gepriesen. Ab 1878 wurde diese Sicht in den Bayreuther Blättern, bis 1938 Hauptorgan der Wagner-Gemeinde, kanonisiert.

        Auch Wagners in den frühen 1880er Jahren ausgesprochene Idee, das Christentum habe in Indien eine arische Heimat, wurde begeistert aufgenommen. In Wagners Vision verband sich die Feier des reinen Ariers mit einem dem aufs Judentum. Besonders nach einem mehrwöchigen Besuch von Joseph Arthur de Gobineau in Bayreuth (1881) nahm die fixe Idee eines arischen Christentums immer breiteren Raum ein. Ohnehin glaubten Wagner und seine Anhänger, im Judentum Ursache und Stütze aller fortschrittlichen Bewegungen erkannt zu haben. Was sie dagegen setzten, war eine Ideologie des Blutes, eine Regenerationslehre, die auch mit Vegetarismus und Antivivisektionismus einherging. Die Idee des Ariertums und eines arischen Jesus propagierte dann namentlich Houston Stewart Chamberlain (18551927) in den Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899). Chamberlain erweitert die Wagnersche Heilslehre, indem er dem Ideal der arischen Schönheit staatstragende Bedeutung zusprach. Anzustreben sei ein rassisch reiner Volkskörper, der nach ästhetischen Kriterien geformt werden müsse. Das Wagnersche Gesamtkunstwerk diente hier als Vorbild eines politischen Modells, dessen Palladien Volksgemeinschaft und Führertum waren. Nicht verwunderlich, daß es Chamberlain ist, der Hitler in Bayreuth einführt wo man ihn sogleich als Lichtgestalt feiert.

        Die erfolgreiche Propaganda des Bayreuther Kreises im allgemeinen, die beachtliche Wirkung der Chamberlainschen Schriften im besonderen, führten dazu, daß Wagner im Wilhelminismus zu DER Identifikationsfigur avancierte. Wilhelm II. (1859–1941), tief beeindruckt von Chamberlain und über zwei Jahrzehnte hinweg dessen Briefpartner, sah das nicht anders. 1903 zeichnete er eigenhändig einen Entwurf für das damals geplante Berliner Wagner-Denkmal. Den Bayreuther Kreis unterstützte er mit jährlich 1000 Mark und seine Autohupe trötete das Gewitter-Motiv Heda! Heda! Hedo! aus Rheingold. Im Ersten Weltkrieg erwies die OHL dem nationalen Symbol Wagner die Reverenz, indem sie militärische Operationen als Alberichbewegung, als Wotan-, Siegfried-, Brünnhilden- und Hundingstellung bezeichnete. Gleichzeitig verschärften sich während des Krieges die Deutschtum-Ideologie des Bayreuther Idealismus und dessen antisemitisch motivierte Forderungen nach einer kollektiven Germanisierung von Religion, Kunst, Politik. Der Zusammenbruch des Kaiserreichs konnte dem Wagner-Kult nichts anhaben. Zu einer neuen Hochzeit kam es, erwartungsgemäß, 1933 ff. Den Nationalsozialisten war es auch vorbehalten, den zum ersten Mal von Wagner formulierten biologistisch-rassistischen und letztlich eliminatorischen Antisemitismus grausige Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

 

 

 

(1) Neue Erkenntnisse erwarte man hier nicht. Worum es geht: einen knappen Überblick geben, Zusammenhänge klären, Ursachen und Wirkungen benennen. Ausgeklammert bleibt die schwierige Frage, ob und wenn ja inwieweit das musikdramatische Werk Wagners antisemitische Züge besitzt. Wer, darüber hinaus, am philosophischen Hintergrund des Wagnerschen Wahnsystems interessiert ist, möge z. B. nachschlagen bei Claus-Artur Scheier: Ästhetik des Simulation, Hamburg 2000, S. 55–127.

 

 

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